Natur-Geburtstag

Schon vor ein paar Wochen waren wir zu einem Geburtstag eingeladen, der Gastgeber hat ein ausgeprägtes Faible für Weine jenseits der Klassik, also konnten wir uns ausmalen, was uns erwartet, zumal wir selbst auch noch ein klein bißchen was dazu beigetragen haben. Da es ein ganz schönes Pensum war und insbesondere das Nachbearbeiten der bei eher mäßigen Lichtverhältnissen aufgenommenen Bildchen recht zeitintensiv ist (Beitragsbild: © Gastgeber!), hat’s leider wieder ein bißchen gedauert. Aber nun geht’s los!

1. Wein: 2019er Otýlie – Cider, Utopia, Česko

Im Glas gelborange, ganz leicht trüb, mäßiger, feiner Blubber. Nasal eher verhalten gegerbter Apfel mit klarer Kalkspur, mit Luft auch etwas Karamell. Am Gaumen wird der Apfel noch mit ein paar Rosinen ergänzt, straff-geschmeidige Säure, gerbstoffiges, trockenes Karamell, gelber, eisendotierter Kalk. Schön langer Abgang mit etwas gehauchtem Lakritz.

Dies ist ein recht feiner Cider mit Tiefgang, überzeugt durch seine perfekte, weil sehr ausgewogene und doch nicht beliebige Struktur.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

2. Wein: (2020-21er) Full Circle – Cider, Pellicle, België

Dieser Cider präsentiert sich in Braunorange mit mäßigem, feinen Blubber, riecht nach Kellerapfel mit leichtem Stinker, sehr trockene Frucht, ein paar orange Agrumenfetzen, trockener Waldhonig. Am Gaumen dann knarztrocken, viel Gerbstoff, leicht adstringierend und auch dehydrierend, etwas saure Mango, deutliche Kalkbasis. Schön langer Abgang mit reduzierter Apfel-Mango-Frucht und Salzkaramell.

Das ist schon ein recht fordernder Cider, der manchen Rundenteilnehmern schon zu freakig war, wir fanden’s super!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

3. Wein: [2019er] [Cuvée] – Cadé Meu Carnaval?? – [blanc] – [Pét nat] – Vin de France, Les Valseuses, Jura

Dies ist eine Cuvée aus 50 % Chardonnay, 40 % Ugni blanc und 10 % Sauvignon blanc, wahrscheinlich kommt nur der verwendete Chardonnay aus dem Jura, denn das Gut arbeitet auch mit zugekauften Trauben aus anderen Regionen Frankreichs.

Farblich ein leicht trübes Strohgelb, mittelfeiner Blubber mit guter Ausdauer. Riecht nach Holunderblüte mit Rochebaron, etwas volatile Limette. Am Gaumen sehr straffe Säure gegen straffen exotischen, fast blumigen Extrakt, dazu noch fordernder Blubber, kalkig-salzige Basis. Der lange Nachhall wärmt ein bißchen und kühlt gleichzeitig, dann ein schönes Salzfinale.

Sehr schöner blumig-exotischer Pét Nat ohne jegliche Plakativität mit gefährlichem Trinkfluß!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

4. Wein: 2019er Furmint – Aus dem Quarz – trocken – Landwein Weinland, Wenzel, Leithaberg

Hier gibt’s als Farbe ein leicht trübes, helles Messing, nasal etwas Nougat, zuckerfreier Rosmarinhonig, reduzierte Physalis. Geschmacklich dann eher auf der aprikosigen Seite unterwegs, straffe Säure, dezent Marzipan, deutlich reduktiv, etwas Salz. Sehr langer Abgang mit Kräutersalzfinale, unterstützt durch etwas Trockenaprikose.

Bei Furmint tue ich mir aufgrund mangelnder Erfahrung außerhalb des Tokaji etwas schwer mit der Einordnung, auch deshalb hatte ich natürlich keinerlei Idee, was ich da im Glas hatte. Typisch oder nicht, das ist jedenfalls ein sehr betörender Salzwein mit einer super reduzierten Honigfrucht.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

5. Wein: 2020er [Chenin blanc] – Poil de Lievre – Vin de France, Domaine Bobinet, Loire

Ein leicht angetrübtes Messing im Glas, nasal ein etwas süßlicher Stinker mit Bariumchlorid, dahinter dichte hellgelbe, sekundäre Frucht mit exotischem Einschlag. Gaumal ist die sekundäre Gelbfrucht mit Pfirsich, Kaki und Physalis vorn dran, dazu ordentlich gelbe Eisensalze, satte Säure. Sehr langer, leicht wärmender Abgang mit salzig reduzierter Frucht.

Schöner Salzwein mit expressiver Fruchtseite, für sich gesehen ein super Zeug, hatte es gegen die direkte Konkurrenz im Feld jedoch etwas schwer.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

6. Wein: 2019er [Chardonnay] – Null Ω – [trocken] – Rheinischer Landwein, Moritz Kissinger, Rheinhessen

Hier zeigt sich ein leicht trübes Goldgelb, fürs Näschen gibt’s erst mal Schokokaramell, dann Holzlasur, dahinter reduktive Kaki und wachsige Quitte. Am Gaumen eine einerseits recht ölige, aber dennoch auch grünlich-frisch-reduktive Frucht, weiters ein bißchen grüne Paprika, knisternde Säure, kühle Kalkbasis. Der Abgang ist ziemlich lang und herb-pelzig-säuerlich mit stark reduziertem Fruchtextrakt.

Sehr warmer und doch kühlender, eisensalziger Wein mit einer spannenden Grün-Gelb- sowie Säure-Öl-Balance.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

7. Wein: 2011er [Cuvée] – Ex Vero II – trocken – Wein aus Österreich, Werlitsch, Südsteiermark

Dieser Ex Vero ist -vermutlich- eine Cuvée aus 90 % Sauvignon blanc und 10 % Chardonnay.

Fürs Auge ein leicht trübes Orangegelb, riecht nach flintig-basaltischen Agrumen, diverse Tees, grüner Kümmel, etwas Bitterorange, Salzkaramell, mit Luft auch Quitte, zwischendurch kommen und gehen Sherry, Maracuja, Schleifscheibe und Tamarinde. Am Gaumen auf dem Salzkaramell aufbauend reduktive Orangen und Papaya, Roiboos, trockener Distelhonig, Kräutersalz, schluckweise auch ein bißchen Leder. Sehr langer, fast kantig-salziger Abgang mit hochanimierender Säurebalance.

Ich hatte ehrlich gesagt nichts anderes erwartet, als daß mich der Wein aufgrund seiner ständig changierenden Aromenbestandteile triggert bis zum Umfallen…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 23 von 25

Diesen Wein haben wir übrigens vor gut drei Jahren schon mal verkostet.

8. Wein: [2020er] [Gamay] – Bas les Masques – Vin de France, Olga Marraud des Grottes et Bert Van Wassenhove, Bourgogne

Optisch ein leicht trübes Orangerot mit höherer Transparenz, riecht nach roter Johannisbeere mit Mandarine und Talcum. Am Gaumen setzt sich das so fort, leichte Extraktsüße, dazu Piment plus Chinin-Bitterchen, Bitterorange, straffe Säure, etwas Kalk. Sehr langer Abgang mit Wacholderfinale.

Recht kantiger und animierender Bittersaft, fern jeglicher Gamay-Klischees.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

9. Wein: 2019er Spätburgunder – flow – trocken – Landwein Main, Stefan Vetter, Franken

Hell braunrot im Glas, dabei leicht trüb. Geruchlich gibt’s sekundären Granatapfel sowie einen leichten Stinker mit gelöschtem Kalk. Am Gaumen dann diffuse Hellrotfrucht, leider auch etwas Alk und Aceton, gepaart mit Speckstein. Langer Abgang, der das Aceton etwas zu arg betont.

Das war nun nicht so mein Fall, da zu organochemisch, auch wenn’s eigentlich nur Spuren sind, die aber doch recht prägend.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

10. Wein: 2020er Syrah – Poolside – [Barossa Valley], Shobbrook, South Australia

Farblich ein mittleres Blutorangerot mit höherer Transparenz, riecht auch nach Blutorange und Zimt plus einem Hauch Vulkan. Geschmacklich zeigt sich eine salzig-würzig-leichte Frucht mit wieder Blutorange und Granatapfel, erfrischende Säure, leicht Hagebutte sowie etwas Basalt. Abgangsmäßig sehr lang, druckvoll würzig, aber nicht fordernd.

Ich bin ja nicht so der generelle Syrah-Fan und aus Australien schon zweimal nicht. Den hier hab ich auch nicht als solchen erkannt, was schon mal ein gutes Zeichen ist. Diese leicht vulkanisch anmutende Blutorange hat’s mir in diesem Fall echt angetan!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

11. Wein: [2018er] [Cuvée] – Six Cépages – Vin de France, L’Insolent, Bourgogne

Wie auch auf dem Etikett erkennbar, sind hier die Sorten Pinot noir, Gamay, Pinot Beurot, Abouriou, César und Pinot d’Aunis verbaut worden.

Ein fast blickdichtes Rubinrot zeigt sich, riecht nach schwarzen Johannisbeeren und etwas Aronia. Am Gaumen dann Sauerkirsche und ein Hauch Mandarine, straffe, klare Säure, kühles Steinbett. Sehr langer Abgang mit sehr geradliniger Rotfrucht, kein nennenswertes Trinkhemmnis.

Das ist für mich ein „Saufwein“ im besten Sinne, man könnte dem Wein vielleicht ankreiden, daß die Zahl der Rebsorten nicht in eine entsprechende aromatische Komplexität mündet, ich weiß aber auch nichts über die prozentuale Verteilung, ist also Meckern auf höherem Niveau.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

12. Wein: [2017er] [Pineau d’Aunis] – Nocturne – Vin de France, L’Ange Vin – Jean-Pierre Robinot, Loire

Ein leicht gräuliches Rubinrot mit mittlerer Transparenz im Glas, riecht nach grün-pfeffriger Kirsche. Schmeckt sehr flaumig-pelzig mit knirschender Säure, superklare Frucht, satte Flaumtannine, Kalk und Speckstein als Basis. Der sehr lange Abgang ist ebenfalls recht adstringierend / dehydrierend, dabei frisch und klar ohne Plakativität.

Ich habe mal von einem anderen Wein des Guts -dem „Le Regard“- im Netz lesen dürfen, daß dieser aufgrund massiver Fehltönigkeit quasi untrinkbar gewesen sei und weggeschüttet wurde. Entweder sind wir mehr gewöhnt oder wir hatten mit diesem Wein einfach mehr Glück. Letzteres braucht man angeblich auch bei einer der BioDyn-Ikonen Frankreichs, da soll die Spanne zwischen genial und untrinkbar auch voll ausgeschöpft werden. Wie’s sich bei diesem Naturweingut auch verhalten mag (ein Urteil dazu ist mir mit einem einzigen probierten Wein natürlich nicht möglich), dieser Proband war ohne Fehl und Tadel.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

13. Wein: 2017er [Sauvignon blanc] – L. D’Ange 17 – Vin de France, Alexandre Bain, Loire

Der Winzer hat bei diesem „Wein“ bzw. Vin de France das EU-Bezeichnungsrecht bei den Hörnern gepackt und einfach die Lot-Nummer groß und fett als Weinnamen verwendet. Diese Kasperletheater um Gut und Böse bei der Weinetikettenbeschriftung bringt doch immer wieder kreative Lösungen hervor…

Hier sind wir hellorange im Glas, geruchlich gibt’s Lindenblütenhonig, Veilchen und weiße Rosen, auch etwas Rauchfleisch. Am Gaumen ebenfalls diese Honiglastigkeit mit einiger, nicht belastender Süße, eher unauffällige, aber gut integrierte Säure, klare reife Frucht aus der reduktiven Physalisecke, das alles auf einer Art Gipsbett. Auch der Abgang ist in gewisser Weise süßegeprägt, wirkt dennoch klar trocken.

Durchaus animierender SB in der Art einer trockenen Auslese, braucht aber ein ordentliches Essen, solo wäre mir das etwas zu viel…

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

14. Wein: 2017er [Sauvignon blanc] – Akmèniné – Sancerre AC, Sébastien Riffault, Loire

Farblich ein helleres Orangegelb mit leichter Trübung. Riecht nach stark gerbstoffgeschwängerter Frucht aus der Maracuja- bis Papayaecke plus klarer Salzspur, geschmeidig-straffe Säure, dunkel-kalkige Basis. Sehr langer Abgang mit leicht scharfer Orangefrucht.

Wie das offiziell ein Sancerre werden konnte ist mir zwar schleierhaft, aber es ist ein ziemlich betörender Wein herausgekommen, auch wenn meine zu fortgeschrittener Zeit zustandegekommene Beschreibung wenig komplex erscheinen mag. Aber dieser Sauvignon ist zum einen sehr eigenständig, trotz Fehlens der eigentlich SB-typischen Marker in der VKN durchaus als solcher einordenbar und triggert mich tatsächlich ähnlich wie die Werlitsch-Weine (s.o.).

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 23 von 25

15. Getränk: 2019er Bière vivante de Pinot, Brasserie des Voirons, Savoie

Dieses Bier enthält neben Wasser, Malz und Hopfen auch 10 % Pinot noir-Trauben, welche von der Domaine Derain aus dem Burgund zur Verfügung gestellt wurden.

Dunkles Braunorange mit einigem Schaum im Glas, riecht nach saurem, roten Hopfen, leicht kirschig. Am Gaumen straff sauerkirschig, etwas adstringierend, saure Mango, etwas Kalk. Sehr langer Abgang, saures Grünhopfenfinale.

Ich trinke nur noch sehr selten Bier, aber sowas fernab jeglichen eingefahrenen Hopfensaftaromas lasse ich mir gerne eingehen. Gebührender Abschluß einer super Weinrunde!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Fazit: wenn von 15 Getränken nach meinem Geschmack nur ein „Einser“ dabei ist, dann bedeutet das ganz unmißverständlich, daß das eine grandiose Runde war! Vielen Dank für die äußerst animierenden Sachen, die uns da in strammer Folge eingeschenkt wurden!

Wir bedanken uns beim Geburtstagskind & Co. für den schönen Abend; um das zu toppen, muß man sich schon gut anstrengen! Aber wir können’s ja auf jeden Fall mal versuchen…

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s