Zwei Schwestern – ein Wein – Relaunch – Nachtrag

Obwohl schon jenseits des traditionellen Endes der Spargelzeit gab’s bei uns gestern nochmals dieses edle Gemüse, nachdem die Exemplare am samstäglichen Markt dann doch noch recht apart aussahen und sich auch nach der thermischen Behandlung in bester Verfassung zeigten. Dazu mal wieder -wie langweilig!- ein fränkisches Silvanerchen, aber kein wirklich typisches, jedenfalls hatte ich diese Erinnerung aus der Erstverkostung:

2013er Silvaner – Sister.Act – Alte Reben – trocken – Qw, Wirsching, Franken

Die Schwestern präsentieren sich in einem intensiven Goldgelb, ordentlich Kirchenfenster am Glas. Nasenmäßig zeigen sich Weinbergspfirsiche nebst einem weitgehend orangen Zitrusmix, leichte Blaugesteinankündigung. Schmeckmäßig dann das Steinobst noch etwas dichter, die Agrumenbegleitung etwas filigraner, die Säure ist an sich gut aufgestellt und sogar leicht spitz, aber der enorme Extrakt zeigt doch klar zum Cremigen hin. Der ellenlange Nachhall ist dann der würzig-mineralischte Teil, gipskeupergeschuldete Rebelkräuter sorgen mit etwas Blauschiefer für eine spannende Kante.

Nicht umsonst kommt auch dieser Silvaner (wie der Riesling) in einer mosel- bzw. saartypischen blaugrünen Schlegelflasche daher, der Wein transportiert nunmehr erhebliche Saar-Anklänge, welche Andrea Wirsching wohl aus ihrer Zeit beim Weingut Schloß Saarstein nach Iphofen importiert hat, die aber bei der Erstbegegnung noch recht gut versteckt waren. Das ist zwar wenig typisch (was mich bekanntermaßen nicht stört), steht dem Wein aber äußerst gut zu Gesicht, eine stilistische Spielart dieser Rebsorte, die ich nicht missen möchte. Warum ich aktuell ein bißchen weniger tief in die Punktekiste greife als beim letzten mal, mag auch dem Umstand gewidmet sein, daß ich mich gefühlt ein bißchen vom Silvaner weg bewege, zumindest soweit es die eher typischen Vertreter dieser Sorte angeht; auch die etwas an Einfluß verlierende Säure kann ursächlich sein. Bei den Querschlägern -und das hier ist einer- bin ich jedoch nach wie vor gerne mit dabei!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: in der Nase eine deutliche Stärkung der Steinobstseite mit ein paar unreifen Komponenten sowie einer Spur Krautwickel. Gaumal dann mit Essigbaum und Reneclaude eine deutliche stilistische Hinwendung zum Burgund, agrumenseitig bleibt Yuzu übrig. Auch der Nachhall findet nun eher im Burgund statt. In zwei Tagen von der Saar ins Burgund, das ist ganz gut zu schaffen, wenn man nicht zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs ist. Recht überraschende, dabei durchaus interessante Entwicklung auf insgesamt gleichbleibendem Niveau.

Nachfolgend der Text der Verkostung vom 07. Oktober 2017:

Vom Weingut Wirsching habe ich ja schon ein paar sehr schöne Sachen vorgestellt, denen man irgendwie auch unterstellen kann, daß sie mehr oder weniger traditionell gemacht sind, was jetzt per se erst mal nichts Schlechtes ist. Nun ist das Weingut mit -soweit ich weiß – bald 90 ha Anbaufläche ja nichts gerade Kleines, da muß man bei der stilistischen Ausrichtung seiner Weine schon recht sensibel auf die Vorlieben der Kundschaft schauen und darf nicht erwarten, daß die alle einen deutlichen Schwenk mitmachen würden, wenn man solch einen denn vollziehen will. Seit das Gut nunmehr anscheinend weitgehend in weiblicher Hand ist (Lena und Andrea Wirsching), gibt es auch eine kleine Seitenlinie bei den Weinen, die sich schon rein optisch von den sonst meist im Bocksbeutel mit sehr klassischem Etikett verpackten Weinen abhebt. Einer davon ist der

2013er Silvaner – Sister.Act – Alte Reben – trocken – Qw, Wirsching, Franken

den mir ein Bekannter in diesen Tagen direkt vom Weingut mitgebracht hat. Per SMS bekam ich den Hinweis, daß er bei Weltner und eben Wirsching vorbeischauen wird und ob er mir was mitbringen soll. Voller Begeisterung habe ich dann eine nicht ganz kleine Liste ins Telefon gehackt und tatsächlich hatte ich die Objekte meiner Begierde schon nach ein paar Tagen zuhause. Vielen Dank nochmals an den Besorger auch von dieser Stelle! Insbesondere die „Sister.Act“-Weine, gemäß Rückenetikett

– Handverlesen aus [40 Jahre] alten Reben –
– mit wilden Hefen im Holzfaß vergoren –
– traditionell und doch neu –

waren bei mir von besonderem Interesse, nachdem die beiden Wernervino-Brüder einen solchen Silvaner vor einiger Zeit im Keller des Weinguts mit sichtlicher Freude im Glas hatten. Dazu kann ich vielleicht noch anmerken, daß die Weine möglicherweise im Weingut intern nicht ganz unumstritten sind. Jedenfalls war ich vor nunmehr schon fast einem Jahr bei einer Frankenweinpräsentation in München, bei der von Wirsching vorwiegend GG’s, klassische Silvaner und Rieslinge sowie Auslesen (sehr schön übrigens) vorgestellt wurden. Auf meine Frage nach den Sister.Act-Weinen bekam ich dann sinngemäß die eher abfällige Antwort „Spontanvergärung ist in 5 Jahren kein Thema mehr“ und daß u.a. auch aus diesem Grund diese Weine eher Nischenprodukte wären, die im Rahmen einer solchen Präsentation unangemessen seien, weil sie eh kaum jemanden interessieren würden. Ich habe das auch noch von einem Bekannten bestätigt bekommen, daß diese Ansicht in gleichem Kontext gegenüber den Interessenten mit Nachdruck vertreten wurde. Welche Stellung die damals anwesenden Weingutsvertreter auch immer hatten, weiß ich nicht, jedenfalls fand ich die Aussage aber schon eher merkwürdig. Aber nun habe ich den Wein ja im Glas und kann mir selbst ein Bild machen, ob „Sister.Act“ nur das Zeug zur Eintagsfliege hat oder ob da doch mehr dahinter ist:

Die Farbe ist ein leuchtendes Goldgelb, die Nase wird gleich mit allerlei gelber Frucht wie reifen Äpfeln, Aprikosen, Quitten, aber auch Hefekloß mit zerlassener Butter verwöhnt. Für den Gaumen gibt’s zusätzlich noch Aromen von Grapefruit und Ugli, deutlich Kreide und auch Löwenzahnwiese. Die Säure ist für mich ein Musterbeispiel für eine perfekte Struktur, die trotz potentem Extrakt eine geradezu unbeschwerte (Trink-) Leichtigkeit aufkommen läßt (auch wenn dies absolut kein leichter Wein im klassischen Sinne ist). Der Abgang ist dann auch „fett“ in bester Manier, der pralle Fruchtkorb begleitet einen über Minuten, Kreide und ein paar hefige Aromafetzen ergänzen den Nachhall sehr schön!

Ich hoffe nicht, daß diese Art von Weinen beim Weingut nur Eintagsfliegen sind. Sie sind auf ihre Art eine Bereicherung ohne Wenn und Aber; zwar deutlich anders als die „Traditionsweine“, aber anderseits auch keine Experimente, mit denen ausschließlich Nerds wie ich was anfangen können (bilde ich mir jedenfalls ein bzw. ich habe auch mindestens eine nicht-nerdige Zustimmung diesbezüglich). Für mich ganz großes Silvaner-Kino, durchaus qualitativ auf GG-Niveau, nur eben ein bißchen anders, eigentlich sogar noch interessanter…

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

7 comments on “Zwei Schwestern – ein Wein – Relaunch – Nachtrag

  1. Hi Erich,
    klingt spannen – wobei ich noch nie einen Wein von Wirsching im Glas hatte und das Weingut auch nicht auf meiner „Einkaufsliste“ steht. Allerdings habe ich dieses Jahr in Beaune, in einem netten, kleinen Weinladen ein paar Weine von Wirisching im Verkauf gesehen – als einzige deutsche Weine überhaupt, die mir in Beaune über den Weg gelaufen sind…. fand ich interessant.
    VG Patrik

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    • Ja, die Wirschings sind anscheinend recht engagiert, ihre Weine in der Welt zu verbreiten. Die erste Flasche, die ich bei meinem letzten Hamburg-Aufenthalt gesehen habe, war auch von da. In Beaune hätte ich allerdings eher was moseliges erwartet. Obwohl: wenn man sehr trockene Weine gewohnt ist, dann ist Franken ja auch keine schlechte Adresse…

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  2. Ja scheint so……..wobei Hamburg (trotz wortgewaltigem MS HT) ja keine echte Weinregion ist und im Burgund sind schon Weine aus dem Jura oder anderen französischen Nachbarregionen nur selten zu finden…. die sind da ziemliche Wein-Rassisten …. aber sympathisch und ein bisschen auch zu recht 😉
    Insofern Respekt, dass die Wirschings dort einen Händler gefunden haben, der den Versuch wagt, diese Weine zu verkaufen…. ob erfolgreich, kann ich nicht sagen.

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    • Immerhin hat HH mittlerweile ja auch einiges an Weinbau zu bieten! An den Landungsbrücken ist ja alles voll mit irgendwelchen Piwi-Reben. Die Weinwerdung passiert dann allerdings ein paar hundert Kilometer weiter südlich…

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    • Ja, die „Cuvée Stintfang“ wird dann an besondere Gäste des Hamburger Senats verschenkt. Ob das dann ein Genuß ist, weiß ich allerdings nicht.
      In Berlin gibt’s auch so ein paar ambitionierte Weinbergsprojekte…

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