Duell der Saubermacher

Ich wollte schon länger mal einen direkten Vergleich von Weinen der „Wachauer Saubermacher“ machen. Diese schmissige Bezeichnung stammt von dem (leider einstigen) österreichischen Video-Blog „Flaschendreh“; mit diesem gleichlautenden Beitrag bin ich seinerzeit erst auf die Weingüter Veyder-Malberg und Martin Muthenthaler aufmerksam geworden. Beide Güter sind explizit nicht Mitglieder der „Vinea Wachau“, jener Organisation, die sich in dieser Region als Hüter von Qualität und Stilistik etabliert hat. Und da vor allem bei den Weinen an der Spitze der Wachauer Qualitätspyramide -Smaragd- ein doch eher opulenter Stil gepflegt wurde und wird, der häufig (oder meist?) auch durch die gezielte Verwendung von überreifen und / oder Botrytis-Trauben erreicht wird, gibt es hierzu auch einen gewissen Widerspruch bzw. Gegenwind in der Region. Peter Veyder-Malberg wird diesbezüglich regelmäßig als Vater dieser -immer noch eher kleinen, aber dennoch feinen- Bewegung genannt, welche sich auf die Fahnen geschrieben hat, zur Erzielung klarerer Erzeugnisse nur gesundes Traubenmaterial zu verwenden und die Klosterneuburger Mostwaage komplett zum alten Eisen zu werfen; das heißt, andere Kriterien als das schiere Mostgewicht hinsichtlich des wünschenswerten Reifegrades der Trauben obenan zu stellen. Martin Muthenthaler hat sein Weingut meines Wissens nach ungefähr zeitgleich zu dem von Peter Veyder-Malberg aufgebaut bzw. übernommen, steht aber nach außen immer etwas im Schatten der Diskussion um die „Wachauer Saubermacher“, so jedenfalls mein Eindruck. Was wohl auch daran liegen mag, daß im Muthenthalerischen Weingut in den ersten Jahren eher „normal“ gearbeitet wurde und Martin Muthenthaler erst nach ein paar Jahren Findungsphase zu einem „Bruder im Geiste“ (laut Netzfundstelle) oder vielleicht auch treffend „Follower“ von PVM wurde.

Nun habe ich es tatsächlich mal geschafft von beiden Gütern je einen Riesling aus der gleichen Lage und dem gleichen Jahrgang zu besorgen, dem Duell der Saubermacher stand also nichts mehr im Wege. Die Lage selbst liegt etwas ab von der Donau in einem Seitental, dem sogenannten Spitzer Graben, sie erstreckt sich über gut 200 Höhenmeter bis auf ca. 480 m und ist fast vollständig terrassiert; bodenseitig gibt’s Orthogneis und kalkfreie Metamorphite vulkanischen Ursprungs mit Einlagerungen aus Glimmerschiefer (für die Geologen unter den geneigten Lesern)…

1. Wein: 2017er Riesling – Vießling Ried Bruck – trocken – Qw, Martin Muthenthaler, Wachau

Ein dunkleres Goldgelb im Glas, fürs Näschen gibt’s anfangs hauptsächlich sauren Korianderhonig, mit Luft entwickeln sich orange-gelbe Agrumen wie Ugli und Minneloa mehr und mehr, Zesten- / Spaltenverhältnis ca. 1 : 1; dezente, fast neutrale Großholzaromatik. Am Gaumen dann eher eine Kastanienhonignote (gänzlich zuckerfrei natürlich) um die Agrumen, die hier etwas oranger wirken, dem doch recht deutlichen Extrakt, der auch einen trockenen Karamellhauch mitzieht, steht eine sehr klare Säure gegenüber, die jegliches Smaragd-Feeling klar unterbindet; die Basis ist erdig-schieferig auf der insgesamt kühlen Seite. Der sehr lange Abgang ist dann der frischeste und „coolste“ Teil des Genusses, hier fast keine Trockenhonigbegleitung mehr, eher sowas wie zuckerfreies Orangeat, im Finale ein kleines Schieferbitterchen.

Dieser Riesling schafft den Spagat zwischen der sonst gerne zelebrierten Wachauer Smaragdfülle und dem eigentlichen Ziel eines botrytisfreien, sehr auf Klarheit bedachten Rieslings recht gut. Eine leichte Honigfettigkeit am Anfang relativiert sich mit dem Erstarken der Zitrusseite, insgesamt ein typischer Wachauer ohne ein typischer Wachauer zu sein…

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: nasal schiebt sich eine Bitterorange nach vorne, die Honigaromen weichen leicht zurück. Auch am Gaumen fruchtseits ein leichter Drift zum Orangen hin, etwas alkfreier Cointreau bereichert die Aromatik, die Säure gewinnt insgesamt leicht an Raum, was der Frische förderlich ist, kein Substanzverlust dabei. Der Abgang gewinnt noch etwas an Länge, auch hier eine Verlagerung der Agrumik zum Orangen hin, ein Hauch Koriandersaat im Finale.

Hat sich mit Luft noch signifikant zur klareren Seite hingewandt, das ist mir tatsächlich einen Aufschlag wert:

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 23 von 25

2. Wein: 2017er Riesling – Vießlinger Ried Bruck – trocken – Qw, Veyder-Malberg, Wachau

Ein leuchtendes Goldgelb im Glas, das Riechorgan bekommt’s vom Fleck weg mit einer sehr klaren und hoch diversen Zitrusfrucht zu tun: Zitrone, Limette, Pomelo, Ugli, Pampelmuse sind klar differenzierbar, im Hintergrund spielen in Nuancen auch Mirabellen und weiße Johannisbeeren mit, dezente Großholzanmutung. Am Gaumen zeigt sich die Agrumenfront etwas grüner als in der Nase, Zesten- / Spaltenverhältnis etwa 1 : 3, statt Steinobst gibt’s Tamarinde; die Säure ist glasklar bzw. messerscharf ohne dabei spitz zu wirken, sehr kühl-blaue Mineralik mit leichter Schiefercharakteristik, mit Luft zeigt sich ansatzweise auch eine ganz dezente Extraktsüße aus der Quittenecke. Der mehrminütige Nachhall konzentriert sich dann zunehmend auf die Nicht-Agrumen, ohne dabei auch nur ein bißchen Frische über Bord zu schmeißen, im Finale dann aber wieder Zitrus pur, hier vor allem grüne Zesten mit strahlender, leicht essigbaumgrüner Säure, ein kleiner Microfaserpelz bleibt zurück.

Dieser „Bruck“ hat nun auf den ersten Schmeck rein gar nichts mehr mit dem gemeinhin als typisch definierten Wachauer Oberklassenriesling zu tun, Gemeinsamkeiten mit dem Muthenthaler-„Bruck“ gibt es trotz aller Unterschiede dennoch. Insgesamt ein kompromißlos auf Klarheit getrimmter Riesling, der in seiner ungeschminkten Art den Blick auf alle Details freigibt, ein absolut fehlerfreies Getränk, das sich diesen Exhibitionismus auch erlauben kann. Ganz großer Spaß, wenn man mit völlig fettfreien Rieslingen was anfangen kann…

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 24 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: geruchlich kommen zur eh schon großen Zitruspalette noch Minneloa und Orange hinzu, was allerdings die Zitrone verdrängt, der Mirabellenhauch mutiert zum Aprikosenhauch. Am Gaumen ist der Agrumenmix etwas weniger grün, dafür nochmals deutlich komplexer und auch intensiver unterwegs, ohne daß man bereits von Opulenz sprechen müßte; die Säure wirkt nochmals klarer und begibt sich dennoch nicht in Angriffsstellung, ein leichtes, grünes Pimiento-Bitterchen gibt einen erfreulichen Kick. Der Abgang zeigt die geringsten Veränderungen gegenüber gestern auf, die Adstringenz ist vielleicht etwas geringer, die Limette drängelt sich leicht nach vorne.

Puuh, das ist nochmal ein ordentlicher Schlag an Komplexität und Frische oben drauf, was bleibt mir da Anderes übrig…

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 25 von 25

Fazit: Beide Weine sind trotz der eigentlich übereinstimmenden Grundausrichtung der beiden Winzer sehr klar voneinander zu unterscheiden, dreimal Gläser durcheinanderwirbeln würde auch weniger geübte Weingenießer bei der richtigen Zuordnung nicht vor größere Schwierigkeiten stellen. Beide Rieslinge sind weit von der viel kolportierten Wachauer Fettigkeit entfernt, wobei man der Muthenthalerischen Variante jedoch eine deutlich größere Nähe zu dieser Stilistik zusprechen kann bzw. muß. Der Veyder-Malberg-„Bruck“ ist klar der Wein, der von allem, was gemeinhin so für die „Vinea Wachau“-Stilistik steht, am weitesten entfernt ist. Das mag bei nicht wenigen Leuten deutlich weniger ankommen, weil hier von der eingefahrenen Wachau-Typizität rein gar nichts mehr bleibt, für mich ist der V-M-Bruck aber dennoch (oder gerade deswegen) der klar spannendere Wein. Was abschließend noch interessant wäre zu wissen, aus welchen Höhen die Trauben jeweils kommen, vielleicht die vom Veyder-Malberg-Bruck von weiter oben und die MM-Trauben eher aus der Talsohle? Zweimal jedenfalls großes, nein, größtes Riesling-Kino, einmal dann noch mit einer klaren Frischepotenz oben drauf!

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