47. Weinrunde vor München

Wieder war länger nix los mit unseren Weinrunden, aber Ende Juni hat’s dann doch endlich wieder mal geklappt und zwar relativ weit vor den Toren Münchens; aber mit der durchaus schnellen Regio-Verbindung der DB ist das dann doch wieder relativ relativ! Juni? Ja! Da der Putin mir unsäglich viel Arbeit beschert hat (grrr!), hat’s jetzt leider gut zwei Monate gedauert, bis ich Zeit und Lust bzw. den Nerv hatte, die dann doch etwas aufwendigeren Gruppentrinkenberichte der letzten Zeit veröffentlichungsfähig zu machen, ich bitte für diesen Zeitverzug um gnädige Nachsicht! Das Thema war für diese Runde sehr weitgreifend und lautete ganz schlicht: „Frankreich“. Was die Auswahl meiner Flaschen nicht unbedingt vereinfachte, aber seht selbst:

Prolog:

gab’s keinen, es ging gleich in die Vollen:

Drama:

1. Wein: (2019er) Chardonnay – Blanc de blancs – Initial – Grand cru – brut – Champagne AOC, Jacques Selosse, Champagne

Dieser Schampus wurde aus Trauben aus Grand cru-Lagen in Avize, Cramant und Oger hergestellt, es wurden insgesamt drei Jahrgänge verwendet, das Dégorgement fand im Juli 2019 statt.

Im Glas ein dunkleres Goldgelb, sehr feine und deutliche Perlage mit hoher Ausdauer. Riecht nach wachsigem Backapfel bzw. Apfelstrudel, leichte Hefespur. Am Gaumen setzt sich das so fort, wenig spürbarer Zucker, eleganter und reif wirkender Oxy-Extrakt, ein bißchen gelbsalzig, leicht volatile, kecke Säure, lehmig-kalkige Basis. Sehr langer Abgang, hier ein leicht grünliches Walnußbitterchen im Finale.

Nicht unbedingt meine stilistische Baustelle bei Schampus, da ich hier nicht so sehr auf Reifenoten stehe, aber die Spannung zwischen den gefühlten Reifenoten und der frechen Säure hat schon was. Dennoch: da das Fläschchen gut 200 Euronen kostet, ist das hier nur ein „Einser“ für mich, für so viel Geld erwarte ich mir erheblich mehr Spaß und Eigenständigkeit im Glas.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 19 von 25

2. Wein: 2020er Cidre Triple, Famille Dupont, Normandie

Die Farbe ist ein dunkles Braunorange, eher verhaltene, mittelfeine Perlage. Fürs Näschen gibt’s eisensalzbelastete Äpfel hohen Reifegrades, schon hier die Ankündigung erheblicher Trockenheit. Geschmacklich dann knarztrockene, gerbstoffgecoatete, reife Samtäpfel mit zuckerfreier Karamellbeigabe, ein Hauch Orangenschale sowie ein kleines Bitterorangenbitterchen, Roterde als Basis. Sehr langer Abgang mit leicht adstringierendem Finale, der fast fruchtfrei die gerbstofflastige Eisensalz-Mineralik zelebriert.

Auch dieser Jahrgang des „Triple“ macht mir unglaublich viel Freude, ich lande zwar bei einem Pünktchen weniger als beim ebenso grandiosen 19er, aber das kann auch meiner Tagesform geschuldet gewesen sein.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

3. Wein: 2018er Romorantin – François Ier – sec – Cour-Cheverny AP, Domaine des Huards – Michel Gendrier, Loire

Farblich ein leuchtendes Goldgelb, in der Nase Zanzibar-Ananas sowie eine Melange aus Zitruskonzentraten; mit Luft leicht ins Cremig-Nussige abgleitend. Am Gaumen wenig Frucht, etwas reneclaudig, deutliche, aber auch etwas belegte Säure, schieferiger Speckstein als Basis. Schön langer Abgang mit hier leicht grünlicher und limettendotierter Frucht, ein entsprechendes Bitterchen im Finale.

Ich weiß jetzt nicht, wie typisch das für die Rebsorte ist, die mir hier zum ersten mal im Glas begegnete, aber ich finde den Wein durchaus apart als Essensbegleiter, als Solist wird mir die an sich schön frische Fruchtseite zu sehr ins Nebulöse gedrängt; das ist allerdings Meckern auf relativ hohem Niveau.

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: diesen Flaschenrest durfte ich mitnehmen, bei der Nachverkostung dann nasal leicht grünnussig, die Frucht sehr sekundär, ein paar grüne Sprengsel aus der Stachelbeeren- und Kiwiecke. Am Gaumen nun deutlich und wohlig adstringierend, auch hier fruchtseitig eine Verstärkung des Grünanteils, die Säure zeigt Verjus-Anteile, saure Kalkmischung als Basis. Auch der minutenlange Abgang zelebriert diese grünliche-bittere Stilistik, ist aber dennoch am nächsten am Eindruck des Vortages dran.

Irgendwie hat sich der Wein mit Luft eher verjüngt, als daß er einen Reifeausblick geben würde, recht ungewöhnliche wie schöne Entwicklung!

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

4. Wein: [2017er] [Cuvée] – Le Zaune à Dédée – Grand Cul Cassé – Vin de France, Ganevat, France

Da das Thema ja „Frankreich“ lautete, dachte ich mir, ich bringe einen „Vin de France“ im Wortsinn mit, denn dieser Wein ist eine Cuvée aus Savagnin aus dem Jura sowie Gewürztraminer aus dem Elsaß, bleibt als gemeinsamer Nenner also nur „France“.

Ein trübes, helles Orangebraun zeigt sich, nasal Agrumengrappa, Anis, Zesten von Mandarine und Orange, einige florale Noten wie Nachtkerze, temporär auch etwas Sherry. Am Gaumen dann ein bißchen Kleber der angenehmen Art, weiters ein fermentierter Agrumenmix, auch teeige Noten, ein Hauch Salzkaramell; als Rückgrat eine super austarierte Säure, etwas Fernet Branca, eisenhaltiges Gestein als Basis. Der ellenlange Abgang betont dann die Mandarine mit Sherrybeimischung, im Finale dann deutlich malzig-karamellig.

Auch wenn mich dieser 17er nicht ganz so geflasht hat wie der geniale 14er, ist das ein überragender Naturinger, der auch die beiden vermanschelten Rebsorten aus meiner Sicht sehr schön abbildet. Häufig wird diesem Genre ja vorgeworfen, daß bei der natürlichen Weinbereitung die Rebsortentypizität weitgehend verloren geht, zumindest soweit man darauf von der konventionellen Weinwelt her drauf gepolt ist. Das kann ich zumindest hier gar nicht unterschreiben, für mich ein hochinteressanter und sehr komplexer Regionen-Crossover (um mal so einen Anglizismus zu bemühen…), großer Spaß!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

5. Wein: 2018er [Syrah] – Saint-Joseph AC, Domaine Jean-Louis Chave, Rhône

Ein opakes Rubinrot zeigt sich, nasal dicht fruchtig mit frischen und kompottierten Pflaumen, weiters Eukalyptus und etwas Vanille vom Holz. Am Gaumen sehr saftig wirkend, wenige samtige Tannine, relativ deutliche Säure, auch Blutorange, dazu eine schieferige Basis. Sehr langer Abgang mit leicht angegrünter Frucht.

Auch wenn Syrah keine wirkliche Baustelle von mir ist, so ab und zu paßt es dann doch mal ganz gut zum Essen und diesen saftigen und doch recht frisch-kantigen Vertreter würde ich da nicht von der Bettkante schubsen. Insgesamt aber ein doch eher einfacher Vertreter seiner Art, dafür aber mit einer recht animierenden Gesamtstruktur und ein paar eigenen Beigaben wie z.B. der Blutorange, was ggf. schon einen Nachkauf rechtfertigen würde, wenn da nicht der exorbitante Preis dagegen sprechen würde.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

6. Wein: 2011er Syrah & Vielles Vignes de Grenache – Côtes Catalanes IGP, Bastide Miraflors, Languedoc-Roussillon

Das Glas präsentiert ein undurchsichtiges Rubinrot mit leicht bräunlichen Rändern, riecht deutlich nach angekokeltem Schaltkasten und einer Malzexplosion. Am Gaumen auch irgendwie süße- / malzüberfrachtet, eher unbedeutende Säure, keine dezidierte Mineralik für mich erkennbar, obwohl sie an sich da ist. Recht ausdauernder Nachhall mit deutlich klebriger Textur.

Damit konnte ich nun gar nix anfangen, war mir schlicht zu anstrengend.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

7. Wein: 2018er Pinot noir – La Ronce – Côtes d’Auxerre, Goisot, Bourgogne

Rubinrot im Glas, mittlere Transparenz; in der Nase eine straffe Kirschfrucht mit leichter Plakativität. Am Gaumen sehr frische Kirsche, die durch eine recht dominante Säure noch knackig-jugendlicher wird, dagegen steht eine ziemlich kalkige Gerbstoffstruktur mit leichter Adstringenz, deutlich gelöschter Kalk als Basis. Der sehr lange Abgang bietet dann ansatzweise auch ein bißchen Pilzwald und erlaubt einen Ausblick auf die mögliche zukünftige Entwicklung.

Aktuell wirkt dieser Pinot ein bißchen zu jung auf mich, könnte sich aber vielleicht noch in die richtige Richtung entwickeln, allerdings ist der Blick in die Glaskugel für mich nicht so klar, daß ich da aufgrund dieses aktuellen Eindrucks gleich begeistert zuschlagen würde.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

8. Wein: 2019er [Pinot noir] – La Chapelle Notre-Dame – Bourgogne AC, Domaine Cachat-Ocquidant, Bourgogne

Ein mitteltransparentes Rubinrot im Glas, fürs Näschen gibt’s speckig-rauchige Kirsche und bereits einen leichten Waldeinschlag, weiters ein Hauch Karamell, mit Luft auch Tabak. Am Gaumen eine ankaramellisierte Kirsche, super ausgependelte Säure, auch das Holz bewegt sich vorwiegend im Karamellbereich, dezente Kalkbasis. Recht langer Abgang, der fast etwas tabaksüßlich daherkommt, insgesamt aber sehr fluffig ist.

Ein eigentlich eher einfacher, aber sehr schön strukturierter Pinot, an dem’s sonst nichts zu meckern gibt. In Frankreich gibt’s diesen Wein für knapp 13 Euronen zu kaufen, dafür bekommt man ziemlich viel Burgunder…

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

9. Wein: 2015er [Cuvée] – Terrasses de Montmirail – Gigondas AC, Alain Jaume, Rhône

Dies ist eine Cuvée aus Syrah, Grenache noir und Mourvèdre.

Im Glas ein dunkleres Braunrot mit mittlerer Transparenz, nasal gibt’s eine recht holzbetonte (Tabak, Nelke, Anis) Frucht in Form von roter Pflaume und Preiselbeere. Schmeckt dann auch pflaumig-beerig, mittlere Tanninstruktur mit geringer Adstringenz, eher moderate Säure, dennoch guter Saft-Trinkfluß, etwas dehydrierend, insgesamt herb-süßlich aufgestellt. Der mäßig lange Abgang wirkt neben der Saftfrucht fast etwas blutig.

Davon kann ich zwar unfallfrei ein bißchen was trinken und es gibt auch objektiv nichts Wesentliches zu meckern, aber eben auch nix zum Loben, dazu ist mir von manchem einfach zu viel (Frucht und Holz) und von anderem (Säure und Mineralik) zu wenig drin…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

10. Wein: 2010er [Syrah] – Hermitage AC, Tardieu – Laurent, Rhône

Rubinrot mit mittlerer Transparenz, riecht nach einer Mixtur aus grüner und roter Paprika, ein paar versprengte Beeren. Am Gaumen saure und doch reife Kirschen, ein Hauch Aronia, dezente Tanninstruktur, satte Säure, kühle Mineralik. Der Abgang ist sehr lang, hier auch leicht pfeffrig, sehr frisch-kühle Frucht.

Ich hatte ja oben schon erwähnt, daß Syrah eigentlich eher unter meinem Radar läuft, aber bei diesem hier dachte ich mir: singend, frisch und extrem belebend, großer Spaß!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

11. Wein: oJ [Cuvée] – Ratafia de Champagne, Veuve Doussot, Champagne

Dies ist ein Likörwein, hergestellt aus Schaumwein, der Chardonnay und Pinot noir enthält.

Farblich eine Art Apricot, geruchlich gibt’s fermentierte Physalis plus Pomelo und Bergamotte. Geschmacklich dann deutlich süßer als erwartet, wobei die Süße recht angenehm daher kommt und keinerlei Klebrigkeit vermittelt; eine sehr potente Säure sorgt für Trinkfluß. Der ordentlich lange Nachhall vermittelt eine fast scharfe Süße, die auch im Finale sehr belebend wirkt.

Sehr interessanter Süß- bzw. Likörwein, der mit seinen 18 Umdrehungen auch entsprechend likörig wirkt, aufgrund der Süße-Säure-Spannung jedoch ziemlich niederviskos daher kommt, das kann man sich gerne mal wieder gönnen!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Epilog:

gab’s explizit auch keinen, man könnte den obigen Likörwein auch hier einordnen.

Fazit:

In erster Linie war’s natürlich schön, mal wieder eine größer besetzte Runde zusammenbekommen zu haben. Das Thema selbst fand ich persönlich etwas zu weit gespannt, ich hab’s schon gerne etwas konkreter, wenn auch nicht zuu kleinteilig; aber das ist nur Geschmackssache und hat dem Spaß in der Runde keinen Abbruch getan. Weiters aus meiner Sicht vielleicht etwas zu rhônelastig, auch wenn die für mich größte positive Überraschung ausgerechnet von dort kam.

Last but not least vielen Dank an unseren Gastgeber vor den Toren Münchens, ich komme gerne wieder, wenn ich darf!

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s