48. Weinrunde in / um München

Auch mit dem Bericht von der 48. Blindtasting-Runde bin ich natürlich hoffnungslos im Verzug, aber ich bemühe mich, den Rückstand aufzuholen. Wie’s ausschaut, wird es aber erst ab dem 3. Quartal 2023 bezüglich der Zeitnähe meiner Geschreibsel zu den Veranstaltungen eine grundsätzliche Besserung geben. Also bitte weiterhin etwas Geduld haben!

Bei dieser Runde ging es im Wettbewerb um Weine aus Südfrankreich, wobei Bordeaux ausdrücklich ausgenommen war.

Prolog: los ging’s aber erstmal mit Magnum-Schaum:

Wein A: 1998er [Cuvée] – Valentino – Riserva Elena – [brut] – Metodo classico, Podere Rocche dei Manzoni, Piemonte

Dies ist übrigens eine Cuvée aus Pinot nero und Chardonnay.

Farblich ein deutliches Altgold, eher mäßiger, mittelfeiner Blubber, aber gut ausdauernd. Nasal zeigt sich der Schaum schon gut angereift mit Backapfel und etwas Marillenknödel, leicht zuckerfreier Thymianhonig. Am Gaumen setzt sich das so fort, relativ straffe Säure, erdige Basis. Sehr langer, reifer Abgang mit Bratapfelpole.

Ist an der Grenze meiner persönlichen Reifegrenze für Schaum, trinkt sich jedoch sehr beschwingt und hält nach 24 Jahren immer noch ordentlich Blubber parat, ist also in erstaunlich guter Verfassung für sein Alter!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Drama:

1. Wein: 2018er [Cuvée] – Armenn – Collioure A.O.P., Domaine Vial Magnères, Languedoc-Roussillon

Dieser weiße Südfranzose besteht zu 60 % aus Grenache gris, weiters 35 % Grenache blanc sowie 5 % andere Rebsorten.

Das Glas zeigt ein helleres Messing, dichte, eher exotische Frucht wie Akees und Rambutan, vielleicht auch reife Birne, dazu eine deutliche Specksteinankündigung. Am Gaumen eine leicht glykolische und alkoholische Frucht, auch hier eine etwas belegte Specksteinbasis mit sehr moderater Säure, leichte Großholzanmutung mit Tabakhauch. Mittellanger Abgang mit Alk-Finale, wenn auch gedämpft.

Ist mir deutlich zu warm und alkig, viel mehr fällt mir dazu leider nicht ein, ein Glas vielleicht zum gehaltvolleren Essen.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

2. Wein: 2015er [Cuvée] – [Blanc]Languedoc AOP, Domaine Saint Sylvestre, Languedoc-Roussillon

Dieser Wein besteht aus 45 % Marsanne, 45 % Rousanne und 10 % Viognier.

Farblich ein deutliches Goldgelb, nasal dann einiges an sekundärer Steinobstfrucht aus dem feuchten Keller, erheblich Allohol und Kompott. Am Gaumen ist die Frucht noch straffer und noch alkiger, auch hier etwas Keller, sehr schüchterne Säure, dann Marzipan mit Chininbitterchern und etwas Nelke, untendrunter ein Kreide- / Specksteingemisch. Sehr langer, auch hier vorwiegend alkiger Abgang ohne großartige Finesse.

Auch hier zu warm, ethanollastig, dazu noch Keller der nicht so animierenden Art, da hört’s bei mir dann gänzlich auf.

Meine Wertung: Nachkauf 0 von 3, Gesamt 11 von 25

3. Wein: [2019er] [Cuvée] – Maître Splinter – Vin de France, La Sorga, Languedoc-Roussillon

Dies ist eine Cuvée aus 90 % Picpoul und 10 % Grenache gris, welche auf Lehm-Kalk-Böden gediehen sind. In den direkt gepreßten und nicht sedimentierten Picpoul wurden die ganzen Trauben des Grenache gris über 15 Tage eingetaucht.

Farblich ein recht trübes Orangegelb, riecht leicht reduktiv nach sauren, mürben Äpfeln und Birnen sowie Holunder, dazu etwas Krautwickel, weiters gelöschter Kalk. Am Gaumen dann Maracuja, Tamarinde, straffe, aber nicht kantige Säure, deutliches und sehr samtiges Gerbstoff-Hefe-Gemisch, leicht grünliche Großholzaromatik, auch hier gelöschter Kalk als Basis. Der Abgang bewegt sich im Mehrminutenbereich und lebt von der Frucht-Gerbstoff-Kalk-Balance, die m.E. einfach vorbildlich ist.

Ein aus meiner (Einzel-) Sicht super Naturinger, der vor allem durch seine Struktur überzeugt, ist gar nicht sooo komplex (was auch ein bißchen kritisiert wurde), aber m.E. dennoch jeden Euro wert (liebt man oder haßt man).

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 21 von 25

4. Wein: 2020er [Cuvée] – [blanc] – Vacqueyras AOP, Domaine de Chantegut, Rhône

Hier handelt es sich um eine 1:1-Mischung aus Roussanne und Grenache blanc.

Farblich ein mittleres Strohgelb, riecht kaltvergoren nach Netzmelone und Lychée, ein Hauch Werthers Echte, gaumal dann auch sehr plakativ bonbonfruchtig, mittlere Säure, holzseitig ein bißchen Karamell mit Vanilletouch und Piment, statt Steinen gibt’s hier eine Kunststoffbasis. Recht langer Abgang, jedoch auch hier ziemlich vordergründig.

Hier halte ich einfach mal zugute, daß der Wein noch relativ jung ist und möglicherweise den Drops noch ablegt, kann ich auch unfallfrei trinken, würde aber aktuell nicht aktiv ums Nachschenken bitten.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

5. Wein: 2018er [Cuvée] – [blanc] – Côtes du Rhône AC, E. Guigal, Rhône

Hier handelt es sich um eine Cuvée aus Roussanne, Marsanne, Clairette blanche, Bourboulenc und Grenache blanc.

Farblich ein mittleres Messing, nasal erneut was recht kaltvergoren wirkendes mit specksteinbeladener Frucht wie Kaktusfeige und gelbe Pitahaya, schon hier leicht alkig. Geschmacklich das Gleiche, moderate Säure, etwas weißer Pfeffer, Kreidebasis, deutlich extraktsüß; zum Abschluß ein mich recht anstrengender Abgang.

Damit kann ich auch nur wenig anfangen, zu einem gehaltvolleren Essen vielleicht ein Glas, dann wird’s aber auch schon schwierig.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

Intermezzo: zwischen Weiß und Rot gab’s dann zum Essen noch zwei Italiener:

Wein B: 2015er Croatina – Arché – Colli Tortonesi DOC, La Colombera, Piemonte

Der Wein präsentiert sich in dunklem Rubinrot mit mäßiger Transparenz, sehr herbe Frucht mit Staubkirsche und Aronia in der Nase, deutliche und doch dezente Holzaromatik mit Berghütte, Beifuß und altem Tabak. Am Gaumen dann geschmeidige und doch recht körnige, braune Tannine, völlig zuckerfreie, aber doch leicht extraktsüße Schwarzkirsche, super austarierte Säure, roterdige Basis. Schön langer Abgang mit Kirsch- / Rosinenfinish ohne freie Süße.

Rot und süß geht generell für mich (fast) gar nicht, aber wenn die Süße nicht vom Zucker kommt, geht’s in Ausnahmefällen dann doch. In diesem Fall: genialer Extraktsüßlinger mit wunderbarer Staubfrucht, bei dem alle aromatischen Komponenten perfekt aufeinander abgestimmt sind.

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Wein C: 2016er Timorasso – Lüsarein – brut – Spumante – Colli Tortonesi „Terre di Libarna“ DOC, Ezio Poggio, Piemonte

Hier zeigt das Glas ein mittleres Messing, der Blubber ist nicht besonders ausgeprägt, hält aber gut durch. Riecht nach frischen Renetten mit leichter Hefebegleitung und schmeckt dann auch so; relativ viel Apfel- und Birnensüße, moderate Säure, lehmig-kalkige Basis. Dann ein ziemlich langer Abgang, der aber aufgrund der für mich schon etwas zu deutlichen Zuckerfracht leicht anstrengend wirkt.

Strukturell und aromatisch eigentlich schön gemacht, ist mir aber einfach ein bißchen zu süß…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Weiter geht’s im Wettbewerb:

6. Wein: 2015er [Cuvée] – [rouge] – Côtes du Rhône Villages, Mas de Boislauzon, Rhône

Laut Netzfund besteht der 2017er aus 55 % Grenache, 20 % Syrah, 20 % Mourvèdre und 5 % Carignan, vielleicht ist’s beim 15er ja gleich oder zumindest ähnlich.

Im Glas ein dunkles Ziegelrot mit mittlerer Transparenz, nasal Pflaumen- / Kirsch- / Preiselbeerkompott mit deutlicher Extraktsüße, weiters ein Sammelsurium aus Pinienwald, Schokolade und Käsecrème, eingepackt in braunem Vanilleholz; die Säure ist recht moderat, etwas Paprika noch, langer, schmatziger Abgang.

Das ist nicht schlecht „gemacht“, aber für meinen Geschmack auch arg gefällig, einer unter Vielen…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

7. Wein: 2018er [Cuvée] – [rouge] – Bandol AC, Domaine Tempier, Provence

Hier wurden 75 % Mourvèdre, 14 % Grenache, 9 % Cinsault und 2 % Carignan verarbeitet.

Farblich sind wir bei einem Rubinrot mit mittlerer Transparenz, nasal gibt’s Pflaume mit Klärschlamm, Tapenade und Linoleum. Am Gaumen dann eher geschmeidige Tanninchen, überreife Kompottkirsche, bitteres Tabakkondensat, mäßige Säure, ein bißchen Großholz in Form von Pfifferlingsmatsch, mit Luft finde ich auch etwas Blutwurst. Sehr langer Abgang, der jedoch ins Alkoholische abgleitet.

Aufgrund der Kompottkomponenten bewegt sich dieser Bandol fern jeder Frische, trotz einiger Kanten wie dem geronnenen Blut sowie einiger Kräuter bleibt das letztlich ein für mich viel zu dicker und zu warmer, somit reichlich unspannender Stoff, allenfalls passend zu Wildschweinbraten etc. Für den nicht geringen Preis wird hier aus meiner Sicht auch für Dickweinliebhaber zu wenig geboten.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

8. Wein: 2013er [Cuvée] – Rouge – Domaine Grand Milord – Pays du Gard IGP, Domaine de Tavernel, Rhône

Im Netz findet man verschiedene Angaben zur Rebsortenzusammensetzung, beispielsweise Syrah, Cabernet Franc, Grenache, Merlot und Carignan; ob’s für diesen Jahrgang zutrifft, sei mal dahingestellt.

Das Glas präsentiert ein dunkles Ziegelrot mit mittlerer Transparenz, nasal dann satt Pflaume, Preiselbeere, Vanille, Karamell. Schmeckt auch so, die Pflaume wirkt hier noch mehr gedörrt, zwar verfügt der Wein über deutlich Säure, diese ist aber ob der Fruchtdominanz chancenlos, eine leicht kalkige Basis kann ich noch ausmachen. Sehr dicker, deutlich anstrengender Rumtopfabgang.

Was außer „Zu dick!“ soll ich hier noch sagen…

Meine Wertung: Nachkauf 0 von 3, Gesamt 13 von 25

Epilog:

es war zwar generell passend zum Thema, aber dennoch liefen die beiden folgenden Süßweinchen außerhalb des Wettbewerbs:

Wein D: 2011er [Cuvée] – Grain de Vignes – Vin doux naturel – Muscat de Rivesaltes AC, Domaine Lafage, Languedoc-Roussillon

Dieser Süßwein wird hauptsächlich (90 %) aus Muscat petits Grains (aka Gelber Muskateller) hergestellt, der Rest ist Muscat d’Alexandrie.

Farblich ein dunkleres Braunorange, nasal zeigt sich alklastiger Nußlikör, etwas alte Bitterorange. Gaumal gibt’s getrocknete Orangen- und Mandarinenringe, deutliche, aber nicht strapazierende Süße, mäßige Säure, dennoch ganz gut flutschig. Sehr langer, eher cremiger Abgang mit leider deutlichem Frischemanko.

Aromatisch ganz interessant und mit Cantuccini ist ein kleines Gläschen ok, aber insgesamt ist mir das dann doch etwas zu beppig und alkig.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Wein E: 2014er Grenache noir – Grenat – Vin doux naturel – Rasteau AC, Domaine de Beaurenard, Rhône

Der Wein ist braunrot mit mittlerer Transparenz, nasal kompottig mit Erdbeeren und Preiselbeeren, auch Pflaume. Am Gaumen ebenfalls Kompott, sehr süße Dickfrucht mit wenig Säure, dennoch gut trinkig, flaumige Zuckerstruktur. Dann ein recht langer Abgang, wieder kompottorientiert, recht dicht und sättigend, aber auch hier erstaunlich wenig Trinkhemmung.

Es ist doch recht überraschend für mich, wie relativ gut dieses rote Süßweinchen den Rachen runterläuft, leider war keine passende Nachspeise dazu da, sonst hätte ich möglicherweise höher gepunktet, so bleibe ich unterhalb der Nachkaufhürde:

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Fazit:

Irgendwie war mir schon klar, daß das Thema Südfrankreich bei dieser Runde mit hoher Wahrscheinlichkeit weitgehend an mir vorbei gehen wird. Es gibt zwar aus dem klassischen Weinbau vereinzelt immer mal wieder nette Sachen, die aufgrund eines relativen Cool-Climate-Anbaus (z.B. am nördlichsten Zipfel der Rhône) oder auch wegen spezieller Bodenstrukturen (z.B. Schiefer) trotz der südfranzösischen Wärme auf mich recht animierend wirken, aber mehrheitlich schafft es eigentlich nur die dortige Naturweinfraktion, mich vom Hocker zu hauen. Dementsprechend verwundert es auch nicht, daß ich von allen Südfranzosen „meinen“ Naturinger mit weitem Abstand vorne sah, das wurde von den sonstigen Teilnehmern teils diametral anders gesehen. Interessant fand ich auch eine sinngemäße Aussage, daß „alle Naturweine mehr oder weniger gleich schmecken“. Ich will diesen persönlichen Eindruck auch gar nicht anfechten, nur deckt sich das mit meiner Wahrnehmung überhaupt nicht, ich hatte speziell bei dieser Runde eher den Eindruck, daß sowohl die weißen als auch die roten konventionellen Südfranzosen mehr oder weniger in die gleiche Bresche schlagen und kaum bis gar keinen eigenen Charakter mitbringen; die Süßweine nehme ich hier mal explizit aus. Fast vorhersehbar war für mich auch, daß einer der Piemonteser, welche unser Gastgeber noch ins Rahmenprogramm geworfen hat, letztlich die Krone auf hatte.

Nicht zuletzt deswegen herzlichen Dank an unseren Gastgeber, der uns souverän wie beschwingt durch die Runde geleitete und auch in bester Manier für unser leibliches Wohl sorgte!

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s