Keine Tradition, keine Typizität?

Das österreichische System der Weinklassierung und -kennzeichnung ist -zumindest in meinen Augen- etwas arg inkonsistent. Zum einen erschließt sich mir nicht, warum es definierte Gebiete gibt, die sich überschneiden (z.B. Leithaberg mit Neusiedlersee bzw. Neusiedlersee-Hügelland) bzw. teils allumfassende Regionen, teils nur eine Art Herkunftsbezeichnung (DAC) für ausgewählte Rebsorten darstellen. So kann ein Wein z.B. aus dem (geografischen) Kremstal ein „Kremstal DAC“ sein, ein gleich guter Wein aus derselben Region, der kein Riesling oder Grüner Veltliner ist, ist dann aber „nur“ aus Niederösterreich. Dann gibt es die Gebiete wie „Wagram“, „Thermenregion“ oder „Carnuntum“, innerhalb derer es keine DAC-Regelungen gibt, daher darf hier alles, was ein gewisses Qualitätslevel erreicht, mit dem Regionsnamen geschmückt werden und nicht „nur“ mit Niederösterreich. Egal wie typisch das Ganze nun ist. Klingt kompliziert, ist es auch. Aber egal…

Aus dem Carnuntum kommt jedenfalls der heute geöffnete Wein

2012er Grüner Veltliner – Bärnreiser – trocken, Netzl, Carnuntum

Jetzt weiß natürlich kein Mensch, ob dieser Wein für das Gebiet typisch ist, weil es hier ja keine DAC-Regelung gibt. Oder gibt’s da gar keine gebietstypischen Weine und deshalb auch keine DAC-Regelung? Glaub‘ ich ja eher weniger! Dafür gibt der Winzer dem aufgrund der etwas undurchsichtigen Lage sicher stark verunsicherten Verbraucher auf der Rückseite der Flasche aber an, was es mit dem Wein so auf sich hat:

Unsere besten Grüner Veltlinertrauben von der warmen Ried Bärnreiser, saftige, reife Frucht mit exotischen Fruchtanklängen, Finesse, sehr vielschichtig am Gaumen, gelbe Früchte, etwas Röstaromatik, cremig und elegant.

Und wir testen jetzt, ob das den GV hinreichend genau beschreibt:

Die Farbe ist ein mittleres Goldgelb mit leichtem Stich ins Grüne. Geruchlich erstmal etwas verhalten, nach etwa 10 Minuten aber zeigen sich gleichberechtigt sowohl intensive Fruchtnoten (Aprikose, reife Khaki, Marulas) als auch schöne hölzerne Noten in Form von Nelke, Rinde (von Fichten) und leicht Zimt. Am Gaumen sind die Früchte so dicht und gelb, daß ich gedanklich etwas in Richtung Zierfandler und / oder Rotgipfler abschweife. Da ist schon einiges an Thymian- und Kastanienhonig neben den reifen Aprikosen und Marulas sowie Quittengelee vorhanden, holzseitig ist hier Vanille und Nelke vorhanden. Die immerhin 14 Umdrehungen merkt man kaum, die gehen in der cremig-frischen Struktur völlig unter. Den Abgang könnte man als cremig-fett einstufen, er hat eine ziemliche Ausdauer und belastet trotz der Dichte nicht.

Richtig fetter Stoff im besten Sinne, dabei gefällt mir vor allem, wie die völlig unscheinbar wirkende Säure jegliche Schwere vermeidet und die Viskosität auf vergnügliche Werte absenkt. Ob das nun was typisch carnuntisches ist, was ggf. auch mal als „Carnuntum DAC Reserve“ durchgehen würde, weiß ich nicht, dazu ist mein Überblick über diese Region noch zu gering. In jedem Fall lohnt es sich, hier weiter auf Entdeckungsreise zu gehen! Ach ja, der Etikettentext geht soweit auch in Ordnung…

Meine Wertung: Nachkauf 3/3, Gesamt 23/25

2 comments on “Keine Tradition, keine Typizität?

  1. Danke für den interessanten Bericht. Vor dem Lesen hätte ich für die Region eher rote Sorten als typisch erachtet und für die Lage Bärnreiser Zweigelt.

    Die Weinregion Carnuntum ist für mich noch weitgehend – bis auf einige Weine vom Markowitsch, die ich in österreichischen Lokalen getrunken habe – Neuland.

    Als Einstieg habe ich mir vor einigen Tagen den „Edles Tal“ 2014 (Zweigelt, Merlot und Syrah) auch von Netzl besorgt, jedoch bislang noch nicht geöffnet. Ist Dir der Wein schon einmal untergekommen?

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    • Wie gesagt, das Carnuntum ist von meiner Seite aus auch noch nicht besonders nachhaltig beackert worden. Rote Weine vom Netzl hatte ich bis jetzt noch nicht, zuletzt hat mich ein Pinot Noir vom Grassl recht begeistert. Von Artner habe ich noch einen Cabernet Sauvignon und einen Chardonnay im Keller. Die „Leitsorten“ sind in der Gegend aber wohl eher Zweigelt und Blaufränkisch. Wenn’s den Verantwortlichen daher mal einfallen sollte, auch im Carnuntum DAC’s zu etablieren, wären die wohl mit einiger Wahrscheinlichkeit auf der roten Seite angesiedelt. Der verkostete GV wäre dann offiziell kein Wein aus dem Carnuntum mehr, sondern nur noch ganz profan ein Wein aus Niederösterreich. Ob das dann so toll wäre, wenn man einen Teil der Weinproduktion quasi aufwertet und den anderen faktisch von der Klassifikation her degradiert, also bezeichnungstechnisch in einen Topf mit allen anderen NÖ-Weinen schmeißt, wage ich zu bezweifeln. Aber es gibt eigentlich auf der Welt kein einziges Bezeichnungsreglement -soweit ich sie einigermaßen kenne-, das nicht mit einer Reihe von Fragezeichen versehen werden muß.

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