Besser spät als gar nicht

Letzte Woche haben wir eine weitere WRINT-Flaschen-Verkostung nachgeholt, zu der wir am Veranstaltungstag vor über einem Monat mal wieder keine Zeit hatten. Diesmal ging es um 3 Möselchen, die von einem sehr kleinen Weingut namens „Tiny Winery“ im Nebenerwerb erzeugt werden. Der ganz typische Moselaner bin ich ja nicht, auch wenn die Region im Einzelfall schon recht großartige Sachen hervorbringt; aber die Ankündigung ließ hoffen, daß es hier nicht unbedingt moseltypisch zugeht, denn speziell „Kabi“ ist ja nicht wirklich meins…

Zu Beginn jedoch -so ist’s der Brauch- ein bißchen was zum Aufwärmen:

Wein A: 2019er Kerner – Südtirol Eisacktaler DOC, Eisacktaler Kellerei, Südtirol

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Die Farbe ist ein sehr helles Strohgelb, riecht etwas verhalten nach hellgelber Frucht wie Kaktusfeige und Mirabelle sowie ein paar gelben Blümchen. Am Gaumen noch recht jung wirkend, eine kleine Dropsnote verfliegt nach ein paar Minuten; ansonsten setzt sich der Buketteindruck fort, die Säure ist moderat, aber setzt sich noch gut durch, leicht macht sich der Alk bemerkbar. Beim schön langen Abgang ist das Alk-Gefühl am deutlichsten, aber noch nicht störend.

Zufälligerweise hatten wir ein paar Tage vorher das 14er Pendant aufgemacht, der -wohl auch der Reife geschuldet- ein bißchen schöner und einfach auch erwachsener war, aber wahrscheinlich tut sich hier auch noch was mit ein paar Jährchen Lager.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

Nun zu den Themenweinen:

1. Wein: 2019er Riesling – [Veldenzer Kirchberg] – Big Bamm! – [halbtrocken] – Landwein der Mosel, Tiny Winery – Sven Zerwas, Mosel

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Farblich ein helleres Messing, riecht trotz gerade erst erfolgter Füllung fruchtseitig schon recht sekundär nach reduzierter Frucht in Form von Mirabelle, weiters Orangenblüten und leicht Pulverdampf sowie Blütenhonig. Schmeckt dann erstaunlicherweise leicht und samtig grünlich nach Reneclauden, ein paar weiße Gerbstoffe, schöne, eher elegante Säure sowie dezente Mineralik, welche sich irgendwie wie eine Mischung aus Schiefer und Speckstein darstellt. Der Abgang ist relativ lang und wieder samtig-elegant, auch hier diese leicht specksteinige Mineralik mit leichter Kräuterbeigabe.

Eher milder und geschmeidiger, fast feiner Riesling der leisen Töne ohne deswegen flach zu wirken, dabei leichte Naturwein-Anmutung.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

2. Wein: 2019er Pinot blanc / gris – Big Bamm! – [trocken] – Landwein der Mosel, Tiny Winery – Sven Zerwas, Mosel

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Ein helleres Braunorange mit leichter Trübung im Glas, riecht nach reduzierter Orange und Papaya sowie Cantaloupe-Melone, jeweils etwas mit Talcum bestäubt, auch leicht Akazienhonig. Am Gaumen wirkt die Fruchtmelange einerseits etwas belegt, aber nicht wirklich cremig, die Säure ist sehr schön balanciert, das Mineralbett erinnert eher an Magnesiumsalze denn an typischen Moselschiefer. Der lang hallende Nachhall bringt sogar etwas Rauch mit, auch hier eine perfekte Kombination aus Samtigkeit und Klarheit.

Dürfte mir aufgrund der einzelnen Aromen eigentlich gar so sehr nicht gefallen, da insbesondere Melone und auch Papaya gerne zu einer etwas belegten Breite neigen, aber hier haben diese Risikofrüchte keinerlei negative Auswirkungen. Bei dieser eher seltenen Rebsortenmischung ist das „Naturweinige“ schon etwas deutlicher ausgeprägt, schwebt stilistisch ein bißchen zwischen den beiden Weinwelten; gefiel uns ausnehmend gut!

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 21 von 25

3. Wein: 2019er Pinot noir – Big Bamm! – [trocken] – Landwein der Mosel, Tiny Winery – Sven Zerwas, Mosel

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Im Glas ein fast etwas kitschig wirkendes, dunkles Violettrot mit mittlerer Transparenz. Riecht deutlich nach Himbeere und Erdbeerjoghurt, wobei die Kitschgrenze bei Weitem nicht erreicht wird; weiters angekündigte Gerbstoffe, vielleicht etwas Erdbeerlimes. Am Gaumen knalltrocken, einige eher weiß wirkende Tannine, auch hier vorwiegend Erd- und Himbeeren ohne jegliche Plakativität; die Säure wird durch den Kalk deutlich gepuffert, ohne daß es den Trinkfluß mindert. Der Abgang ist von ordentlicher Länge, hier ist die Frucht am meisten reduziert.

Meines Erachtens deutlich zu jung, erstaunlich, daß mir die Beerenaromatik bei diesem PN nicht negativ auffällt, damit kann ich nämlich meist nicht viel anfangen. Wäre interessant zu wissen, wie der Wein in 5 bis 10 Jahren schmeckt.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Nachtrag nach 48 Stunden mit Luft: der Wein erweist sich als ziemlich stabil, außer daß die Tanninchen ein bißchen abgeschmolzen sind, gibt’s keine relevanten Änderungen zu vermelden.

Zum Finale gab’s natürlich wieder was jenseits der eigentlichen Themenweine:

Wein B: 2016er Spätburgunder – [Jugenheimer] Hasensprung – trocken – Qw, Brinkmann, Rheinhessen

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Farblich ein Granatrot mit höherer Transparenz, riecht nach Herbstlaub und Tabak, dahinter Kirsche und Himbeere, letztere zwar etwas poppig, insgesamt aber durchaus ernsthaft angelegt. Am Gaumen setzt sich das Ganze fast 1:1 fort, der Extrakt ist zwar etwas vorlaut, stört aber nicht weiter, die Säure ist schön austariert, die Steinseite ist recht erdig gehalten. Der ordentlich lange Abgang zeigt auch einen sehr ausgewogenen Frucht-Wald-Mix.

Einerseits recht gefällig, aber nicht auf die anbiedernde Art, sondern durchaus anspruchsvoll und in sich stimmig gemacht, vor allem nicht wirklich „typisch deutsch“. Leider hat sich das Gut im Frühjahr 2020 aufgelöst, es sind aber wohl aktuell noch Weine ab Hof erhältlich.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Wein C: 2018er Grauburgunder – Edition Pinard de Picard – trocken – Qw, Holger Koch, Baden

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Diesen Wein hat unser Gastgeber aus einem „Holger Koch-Probierpaket“ von Pinard de Picard erstanden und mich um meine Meinung dazu gebeten.

Farblich ein sehr helles Apricot, riecht recht dumpf melonig sowie nach Papaya (diesmal auf die eher plumpe Art). Am Gaumen setzt sich das Ganze ebenso dumpffruchtig fort, die Säure ist stark überfordert bzw. steht sehr isoliert da, dazu was spitz Salziges der unangenehmeren Sorte, auch leicht durchgebrannter Leistungsschalter. Der Abgang vermittelt leider auch nichts Erfreulicheres.

Nö, das ist nun leider gar nichts! Da PdP ja bekannt für seine maßlose Weinlyrik ist, habe ich mal nachgeschaut, was da zu dem Wein geschrieben wurde. Leider ist der 18er nicht mehr im Programm, aber in der Beschreibung zum 19er steht u.a.:

Um seinen Weinen den richtigen Schwung zu geben, sie mit mehr Gerbstoff aufzuladen, ihnen mehr Frische zu ermöglichen und auch mehr Charme, hat Holger einen kleinen Teil des Grauburgunders aus seiner besten Lage auf den Traubenhäuten und Stengeln vergoren, also einen Orangewein entstehen lassen, den er in kleinen Portionen von nur wenigen Prozenten dem traditionell vergorenen Wein wieder beigegeben hat. Das war schon das Erfolgsmodell im Jahrgang 2018!

Was auch immer der ja eigentlich recht renommierte Winzer tatsächlich mit dem Wein angestellt hat, für mich ist das Ergebnis jedenfalls ziemlich unterirdisch. Und das sah der Spender eigentlich genauso…

Meine Wertung: Nachkauf 0 von 3, Gesamt 12 von 25

Fazit:

Die Hauptdarsteller waren für mich durchgehend recht interessant im besten Sinne; ich finde es schon bemerkenswert, was man auch als Nebenerwerbswinzer so auf die Beine stellen kann. Jedenfalls fand ich die Weine positiv „eigen“ und auf der weißen Seite absolut nachkaufenswert. Nur der Pinot noir muß erst noch beweisen, was er wirklich kann; allerdings war mir eigentlich vorher schon klar, daß man in diesem zarten Babyalter allenfalls einen Eindruck über die grobe Ausrichtung dieses Pinots gewinnen kann.

Vielen Dank nochmals an unsere Gastgeber, es war (wie immer) ein sehr schöner Abend!

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