Weißer burgundischer Fleck

Am vergangenen Freitag haben wir uns wieder zu einer nachgeholten WRINT-Verkostung getroffen, in der es diesmal um das Burgund ging, allerdings mit Weinen aus einer Region, die kaum im Fokus steht, nämlich das Gebiet um Auxerre. Das ist recht weit entfernt vom eigentlichen Kerngebiet des Burgund und zwar nordwestlich in direkter Nachbarschaft zum weitaus bekannteren Chablis. In der dortigen AOP St. Bris wird appellationskonform Sauvignon blanc angebaut, meines Wissens nach die einzige Ecke des Burgund, wo sowas zugelassen ist.

Vorab aber haben wir per übers Weinform initiierter Videokonferenz einen ganz anderen Wein probiert:

Wein A: 2012er Pinot noir – Reserve – trocken – Qw, Später-Veit, Mosel

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Farblich was Dunkleres zwischen kirsch- und ziegelrot, höhere Transparenz. Riecht anfangs sehr filigran, aber nach etwa 5 Minuten wird das deutlich dichter, es kommen waldige Kirschen, ein paar Waldbeeren, leicht Schiefer und etwas grünliche Rappenphenolik zum Vorschein, auf jeden Fall nicht plakativ deutsch anmutend (französisch aber auch nicht). Und wenn schon D, dann würde ich noch am ehesten den Ahr-Vergleich ziehen. Am Gaumen dann trotz ein paar Tanninchen leichter wirkend als nasal angekündigt, jedoch alles andere als substanzlos, komplett trocken anmutend, auch was den Fruchtextrakt angeht, vom distinguiert-selbstbewußten Holz her ein leichter Essigbaumtouch, der einen jedoch ebenfalls nicht den Kopf in Richtung Burgund verdreht (höchstens ein bißchen), schöner kühler Schieferhauch, der dem Wald gut Kontra bietet, auch etwas kräuterig, weiters Brettlspeck in angenehmer und passender Dosis. Der durchaus lange Abgang lebt von der filigranen Kleinspannung zwischen kühler Mineralik und leicht wärmenden Holz, mit Temperatur taucht hier etwas Kleber auf.

Ein wirklich schöner, relativ eigenständiger Spätburgunder mit kühler Mineralik, durchaus fordernd, jedoch ohne einen ins Schwitzen zu treiben, wirkt sehr balanciert und aufgeräumt ohne dadurch belanglos zu werden, solange man ihn nicht zu warm oder zu kalt werden läßt, ich tippe auf 14 bis 16 Gräder als sinnvolles Temperaturfenster.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Jetzt aber nach Auxerre:

1. Wein: 2019er Aligoté – Bourgogne Aligoté AOC, Goisot, Bourgogne

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Farblich ein helleres Strohgelb mit Messingtouch, nasal gibt’s unreife Mirabelle und Holunderblüte, auch leicht Stachelbeere und Karambole sowie grünes Maoam. Geschmacklich dann auch ein paar gelbere Fruchtsprengsel aus der Mirabellenecke, kräftige und doch irgendwie wenig prägnante Säure, etwas Speckstein, leichter Mandelhauch. Der gut lange Abgang repetiert das nochmals, liefert jedoch -leider- keine neuen Erkenntnisse.

Wirkt auf mich relativ beliebig bzw. belanglos und herkunftsfrei, kann ich zwar unfallfrei trinken, aber die Frucht schrappt nur leicht an der Grenze des Plakativen vorbei, jenseits derer es für mich dann höchst anstrengend wird. Manche Weine legen mit einiger Reife diese Kunstfruchtallüren ab, ob das bei diesem Aligoté passieren könnte, traue ich mich jedoch nicht vorherzusagen. Ein bißchen verwundert war ich (bzw. waren wir), daß die Podcast-Moderatoren Christoph Raffelt und Holger Klein diesen Wein gefühlt fast kriminell schöngeredet haben. Mit den allermeisten Expertisen von CR komme ich gut zurecht, aber hier lagen wir meilenweit auseinander; wenn ich alleine gewesen wäre, hätte ich womöglich angefangen, an meinem Geschmack zu zweifeln…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 14 von 25

2. Wein: 2019er Sauvignon [blanc] – Exogyra Virgula – Saint-Bris AOC, Goisot, Bourgogne

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Exogyra Virgula ist übrigens der zoologische Name für eine kleine, fossile Austernart, welche im Boden zwischen Jura und Champagne häufig vorkommt.

Farblich ein helleres Strohgelb mit Tendenz zum Ocker, riecht nach heller Kaktusfeige mit eingetrockneter Penaten-Creme, am Gaumen eine leichte Macadamia-Cremigkeit, etwas weißer Pfeffer, ein bißchen undifferenziertes, helleres Steinobst, deutliche aber nicht vorlaute Säure, ein paar Kräuter aus der Oregano-Ecke. Der recht lange Abgang zeigt eine schöne, hellkräuterige Frucht mit leichter Pfefferspur und etwas Trester.

Wirkt auf mich wie eine Mischung aus Sauvignon blanc und Chenin blanc; irgendwie durchaus ausgewogen, aber ohne großartige Orientierungspunkte, was aber vielleicht auch darauf zurückzuführen ist, daß ich aus der Ecke außer Chablis einfach nichts Anderes kenne. Hier bin ich zwar auch nicht restlos begeistert, bin mir aber -anders als beim ersten Goisot-Aligoté- relativ sicher, daß sich da mit ein paar Jahren Kellerlager noch was tun wird. Einen Nachkaufkick habe ich aber auch hier (noch) nicht verspürt.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 17 von 25

3. Wein: 2018er Pinot noir – Corps de Garde – Bourgogne Côtes d’Auxerre AOC, Goisot, Bourgogne

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Ein frisches Kirschrot mit mittlerer Transparenz im Glas, riecht nach einerseits frischer, andererseits aber auch recht sekundärer Kirsche, ganz dezent helles Holz mit ebenso hellem bzw. grünem Tabak, dezente Eukalyptusnoten. Am Gaumen gleich nicht wenig, aber feinkörniges Tannin, klare und doch ankompottierte Sauerkirsche, Holz nur als feine Stütze, ein Hauch Chininbitterchen, ordentliche Säure, leicht kalkig. Der Abgang zeigt eine gewisse Wärme, wirkt aber nicht brandig, ist hier sehr geschmeidig aufgrund eines gewissen Kalkpuffers unterwegs.

Zwar noch etwas jung, zeigt aber schon deutlich Potential und ist auch jetzt schon ohne Abstriche zu genießen. Ist dabei allerdings kein wirklich burgundischer Wein, hier assoziiere ich stilistisch eher einen Schlag Loire.

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Im Kürprogramm gab’s dann noch einen Spätburgunder aus einer ganz anderen Deutschlands, die ich selbst aus verschiedenen Gründen recht stiefmütterlich behandele:

Wein B: 2014er Pinot noir – Gipskeuper – trocken – Gutswein, Schnaitmann, Württemberg

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Im Glas ein mittleres Kirschrot mit höherer Transparenz, riecht recht würzig, aber nicht aufdringlich nach alter Ledertasche, hier ist die Frucht allenfalls als Kirsch- / Johannisbeermix erahnbar. Am Gaumen ist das Leder etwas weniger präsent, hier dafür etwas mehr reduzierte Steinpilze, angepaßte Säure, weiche Mineralik. Der Abgang ist recht lang und eigentlich der kühlste, jedoch nicht karge Teil des Genusses.

Sehr schöner Kaltjahrpinot, der aber nicht karg bis unterkühlt daherkommt, sondern für das 14er Jahr erstaunlich viel Substanz hat; muß man sich nicht erkämpfen, ist aber auch nicht beliebig, vor allem auch kein bißchen deutsch. Burgundisch aber auch nicht, macht sein eigenes Ding…

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

Wein C: 2015er Riesling – Forster Ungeheuer – trocken – Große Lage – GG, Reichsrat von Buhl, Pfalz

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Ein leicht bedecktes Altgold im Glas, riecht gleich deutlich nach Zündplättchen mit etwas Torf und Totholz sowie trockenem Marzipan, dahinter ein Haufen anoxidierter Pomeranzen, ein Hauch Naphtalin sowie fermentierte Reneclauden. Am Gaumen ist die leicht fermentierte (Zitrus-) Frucht deutlich mit Torf kontaminiert, die Säure ist recht knackig, der Extrakt ist einerseits geschmeidig und oxi-reif, andererseits auch leicht braungrün kantig. Der recht lang hallende Nachhall geht dann etwas in die burgundisch-grünlich-reduktive Ecke, die Agrumen sind aufs Notwendigste reduziert, die Säure ist sehr distinguiert, aber dennoch hocheffektiv.

Sehr außergewöhnliches Riesling-GG mit einer wahrscheinlich nicht mehrheitsfähigen Aromatik, welche mit oxidativen und reduktiven Noten gleichzeitig spielt; fast so, als hätte man etwas Jura mit in die Flasche geschummelt. Ich kann mich jedenfalls an kein GG und keinen Riesling erinnern, bei welchem die Aromatik auch nur im Ansatz in diese Richtung ging. Es kann natürlich sein, daß dies das Ergebnis der frühzeitigen Alterung eines Warmjahr-GG’s ist, aber aktuell ist das richtig großes Zeug!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 23 von 25

Fazit:

Daß der letzte Wein gnadenlos alles überstrahlt, dürfte ziemlich klar sein. Daneben waren die beiden deutschen Pinots durchaus sehr erfreulich, vor allem beim Moselaner war ich vorab ziemlich skeptisch, nachdem die Diskussion über die Weine des Guts im Weinforum doch recht durchwachsen war. Hinsichtlich der eigentlichen Wettbewerbsweine fand ich dies eine der schwächsten WRINT-Runden, die ich bisher mitgemacht habe, dennoch war sie auch hinsichtlich der Informationen über diesen weißen Fleck des Burgunds sehr interessant und fand mit dem Auxerre-Pinot dann doch noch einen versöhnlichen Abschluß.

Und zu guter Letzt meinen Dank an die Mitverkoster für -wie immer- vorbildliches Catering und beste Gesellschaft, auch an die Teilnehmer der Videokonferenz zur Verkostung des ersten Weins vielen Dank, hier fand ich vor allem auch sehr spannend, daß man den (Nick-) Namen der teilnehmenden Weinforum-Mitglieder nun auch einige audiovisuelle Eindrücke zuordnen kann!

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