…schon wieder Sicilia online…

Die Online-Weinverkostungen sind ja schon länger mehr oder weniger regelmäßiger Bestandteil meines Weinlebens, zu Pandemiezeiten hat sich das noch verdichtet, da sich die Angebote zum Einen vervielfacht haben, die gewohnten privaten Weinrunden im größeren Kreis jedoch stark eingedampft wurden. Mittlerweile ist der Hype gefühltermaßen wieder stark abgeflaut und es bleiben diejenigen Formate übrig, die sich schon seit vielen Jahren etabliert haben. Eine der mittlerweile recht regelmäßig besuchten Veranstaltungen sind die WRINT-Podcasts, welche für uns den Vorteil haben, daß man sich das Ganze auch nach dem eigentlichen Veranstaltungstermin noch anhören kann, denn meistens ist unsere terminliche Flexibilität zu gering für die Live-Teilnahme unter der Woche. Außerdem ist es ganz angenehm, den Podcast quasi „trocken“ und konzentriert hören zu können und erst im Nachgang in der Runde die Weine aufzumachen, denn gleichzeitig Podcast lauschen und sich auch noch zu unterhalten ist doch eher schwierig. Übrigens auch ein Grund, warum ich so manche Angebote in letzter Zeit gar nicht mehr wahrnehme, nämlich diejenigen, welche nur per Videokonferenz ablaufen und zu denen es keine im Nachhinein verfügbare Konserve gibt. Vielleicht wieder mal, wenn ich Rentner bin und mehr Zeit habe…

Aber nun zur aktuellen WRINT-Online-Verkostung, deren Thema nochmals Sizilien war, nun mit 3 Flaschen des Weinguts Gulfi. Zuerst aber zwei „Einsteiger“:

Wein A: 2019er [Cuvée] – Casata dei Beghee – Cinqueterre DOP, Capellini, Liguria

Hier handelt es sich um eine Cuvée aus 75 % Bosco, 20 % Vermentino und 5 % Arbarola, das Bild zeigt tatsächlich das Frontetikett, mehr gibt’s nicht auf der Flasche…

Mittleres Messing im Glas, zurückhaltende Nase mit reduzierter Cantaloupe Melone vor Specksteinwand, salziger Tapetenkleister, mit Luft auch flintige Noten. Am Gaumen ein sehr herber, gegerbter Genosse mit weißem Pfeffer, kaum Frucht erkennbar, fast etwas rauchig, moderate, aber stimmige Säure, salziger Lehm als Basis, später auch Kreide. Der mehrminütige Nachhall bringt dann ein deutliches und animierendes Chininbitterchen mit.

Anfangs meinte ich noch, daß wir hier ein gepflegtes Nichts im Glas haben, aber mit Luft und Beschäftigung hat sich dieses Nichts dann doch sehr schön entwickelt und hat die mannigfaltigen Leckerlis, die unser Gastgeber vorbereitet hat, souverän begleitet. Muß man sich halt ein bißchen erarbeiten…

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Wein B: 2020er Silvaner & Riesling – Natural – [trocken] – Landwein Rhein, Wittmann, Rheinhessen

Soweit ich weiß, hat das eher für seine traditionellen Weine bekannte Weingut in 2019 erstmals einen „Natural“ herausgebracht, damals ein reiner Silvaner. Hier nun der zweite Versuch, mit den biodynamisch erzeugten Trauben abseits der Klassikschiene Wein zu machen:

Ein trüberes, helles Messing im Glas, hefige Nase mit einem sehr sekundärem Mix aus leicht angemosteten Orangen plus etwas Dosenpfirsich, mit Luft auch ein bißchen Schwefel. Am Gaumen dann deutlich flüssiger, flaumige Säure, kalkig-hefige Basis, entwickelt sich mit der Zeit zu einem rein reduktiven Getränk ohne weitere beeinflussende Aromen. Schön langer hefe- / gerbstofflastiger Abgang mit stark reduzierter oranger Zitrusfrucht.

Durchaus schöner Zisch-Naturinger, allerdings (noch?) etwas flach und auch ein bißchen kitschig wirkend, vielleicht biegt sich das mit den Jahren noch etwas hin. Aktuell finde ich andere Naturweine aus dieser Preisklasse -auch in jung- deutlich attraktiver, die stammen allerdings auch von Winzern, die sich diesem Genre deutlich intensiver verschrieben haben und das nicht nur als „one and only“-Experiment im ansonsten traditionellen Sortiment mitlaufen lassen.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

1. Wein: 2020er Chardonnay / Carricante – [Vigna Muti] – Valcanzjria – Terre Siciliane IGT, Gulfi, Sicilia

Farblich ein helleres Strohgelb, riecht nach Kochbanane und etwas Fenchel, im Hintergrund noch Kaktusfeige. Geschmacklich dann leicht gegerbte, sekundäre Frucht, eher moderate, fast verschleierte Säure, specksteinige Unterlage. Der Abgang ist zwar von durchaus schöner Länge, kommt mir aber auch eher mehlig daher.

Das ist jetzt nichts Schlimmes für mich, aber ich kann mit dieser süditalienischen Weißweinbreite leider nicht so viel anfangen, auch wenn diese hier noch recht gemäßigt ausgeprägt ist. Fand am Tisch aber teils deutlich mehr Zuspruch denn bei mir, Geschmackssache halt.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Dann vor dem Farbwechsel erst mal ein kleines Intermezzo:

Wein C: [2020er] [Cuvée] – Vino rosso Leggero, Pranzegg, Südtirol

Die Zusammensetzung dieses hellroten oder dunkelrosanen Getränks (je nach Sichtweise) könnte 60 % Vernatsch und 40 % Lagrein sein. Jedenfalls findet man das im Netz zu diesem Jahrgang, andere Ausgaben werden auch mit weiteren Cuvéepartnern beschrieben. Aber so ungefähr wird’s schon stimmen.

Im Glas ein trübes, transparentes Kirschrot, riecht nach hefiger Herzkirsche mit einem Hauch Pfeffer. Geschmacklich ist die Kirsche einerseits hell und frisch, dabei aber in keinster Weise plakativ bzw. moncherieig, flaumige Säure, kühler Kalk. Vom Abgang hat man ordentlich lange was, die Kirsche dominiert auch hier bis ins Finale.

Hier wird schon sehr gekonnt am Kitschabgrund vorbei vinifiziert, ist im besten Sinne „lekker™“ und gehört eigentlich auf eine sonnendurchflutete Terrasse. Dennoch nicht so ganz meine Kragenweite, denn keine der enthaltenen Rebsorten gehört zu meinen grundsätzlichen Favoriten, auch wenn die Umsetzung hier objektiv gesehen (soweit das halt bei Wein geht) sehr gut geglückt ist. Bei Pranzegg fühle ich mich bei den weißen Sachen halt doch klar besser aufgehoben…

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

Jetzt weiter im Hauptabendprogramm:

2. Wein: 2020er [Cuvée] – Cerasuolo di Vittoria DOCG, Gulfi, Sicilia

Dies ist eine Cuvée aus 50 % Nero d’Avola und 50 % Frappato di Vittoria aus den Weingärten Catania, Patria und Coste.

Ein dunkles Rubinrot mit mittlerer Transparenz im Glas, leicht angewürzte helle Waldbeeren mit Eischnee in der Nase. Geschmacklich setzt sich das so fort, leicht tanninlastig, recht saftige Kirsche, stramme Säure, etwas Koriandersaat, leichtes Bitterchen, lehmig-schieferige Unterlage. Der ordentlich lange Abgang ist dann der herbste Teil des Genusses.

Soweit ein ganz netter Sizlianer, der -obwohl schon 24 h vorher geöffnet- noch klar zu jung erscheint. Dabei finde ich die Rebsortenkombi in Verbindung mit der belebenden Säure eigentlich recht attraktiv, gefällt mir jedenfalls deutlich besser als so manche undurchsichtigen roten Geschosse, die es auf der Insel ebenfalls in nicht geringer Zahl gibt. Kann gut sein, daß hier der Reiz mit dem Alter noch ansteigt.

Meine Wertung: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 18 von 25

3. Wein: 2015er [Nerello Mascalese] – [Vigna Poggio] – Reseca – Etna DOC, Gulfi, Sicilia

Ganz leicht angebräuntes Granatrot, riecht nach einerseits frischer, andererseits auch gut angedörrter Pflaume, ein Hauch Waldhimbeere, zurückhaltendes Großholz. Am Gaumen führt ebenfalls die Pflaume, hier auch leicht malzige Attribute, dagegen steht eine schön austarierte Säure, recht präsente, aber nicht kantige Tannine, kaum Adstringenz, neben dem eher dezenten Holz ein paar Pilze aus der Ziegenbartecke. Beim mehrminütige Nachhall trumpft das Holz dann etwas auf, wobei das nicht ins Vordergründige abgleitet.

Dieser Nerello Mascalese ist erfreulicherweise in einem sehr guten Reifezustand, schön finde ich vor allem die Gegensätze, welche hier mit Fruchtsorten verschiedener Ligen sowie der Säure gegen Holz, Pilze & Co. aufgebaut werden, das kann man sich zum entsprechenden Essen durchaus geben. Eigentlich war ja geplant, was zu grillen, aufgrund des Temperatursturzes zum Wochenende hin fiel das jedoch aus. Dies wäre der Wein für Lamm etc. gewesen…

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 19 von 25

Wein D: 2016er [Cuvée] – Pithium – trocken – Pfälzer Landwein, Bassermann-Jordan, Pfalz

Noch ein Weinexperiment eines Herstellers, der an sich eher im traditionellen Segment des Weinbaus unterwegs ist und sich dort ein entsprechendes Renommée aufgebaut hat. Hier handelt es sich um eine Cuvée aus Gewürztraminer und Grauburgunder, das Ganze wurde in einem Tongefäß (aka Pithium) ausgebaut, keine Schönung, Filtration bzw. Schwefelung.

Im Glas ein dunkles Bernstein, in der Nase Karamell mit Orangenzesten, zuckerfreier Distelhonig. Am Gaumen dann eine überraschend straffe Säure mit mentholgeschwängerter, überreifer Bitterorange, saures Karamell, sowas wie Rotlage als Basis. Extrem langer Abgang mit leicht sherrylastiger, zuckerfreier Orangenmarmelade plus etwas Hopfen.

Super Käsebegleiter für weich, hart und Schimmel, sehr eigene Struktur. Verbindet die Tugenden einer gereiften Trockenbeerenauslese mit denen eines staubtrockenen, georgischen Amphorenweins. Aus solch einem VDP-Traditionsweingut, das noch dazu zusammen mit Reichsrat von Buhl und von Winning Teil einer Unternehmensgruppe ist, hätte ich jetzt einen solchen Querschläger nicht erwartet; für mich der Wein des Abends!

Meine Wertung: Nachkauf 3 von 3, Gesamt 22 von 25

Fazit:

Auch wenn meine Bewertungen der drei Themenweine nicht ganz so überschwänglich waren, fand ich die Auswahl dennoch recht ordentlich, zumal ich bei meiner letzten Begegnung mit einem Gulfi-Wein so gar nicht begeistert war. Insgesamt hat mir aber unser Rahmenprogramm dann doch etwas mehr Freude bereitet, vor Allem die Überraschung am Ende werde ich noch lange in Gedanken behalten!

Schlußendlich meinen herzlichen Dank an unseren Gastgeber, der sich in der Bewirtung mal wieder selbst übertroffen hat und an die Runde insgesamt für das ausgelassene Zusammensein! Und: nach der Runde ist vor der Runde!

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