Beaujolais, nur halbwegs nouveau

Am vergangenen Mittwoch haben wir’s tatsächlich mal wieder geschafft, live an einer WRINT-Verkostung teilzunehmen und sie nicht Tage oder Wochen später per Konserve mitlaufen zu lassen. Das Thema war diesmal „Beaujolais“, damit habe ich selbst relativ wenig Erfahrung, denn ich wurde vor vielen Jahren mal nachhaltig von diesem „Beaujolais nouveau“ bzw. „Beaujolais primeur“-Thema abgeschreckt und habe diese Region seither quasi negiert. Tatsächlich hat sich die Primeur- / Nouveau-Welle mittlerweile totgelaufen und das Gebiet scheint nun auf breiterer Front wieder „normalen“ Wein zu produzieren, einen davon hatte ich vor gut einem Jahr mal im Glas. Insofern eine gute Gelegenheit, seinen Wein-Horizont mal wieder etwas zu erweitern.

Mitten-in-der-Woche-bedingt gab es keine Ein- und / oder Aussteigerweine, also geht’s sofort zur Sache:

1. Wein: 2019er [Gamay] – Beaujolais AOP, Château Cambon, Bourgogne

Leicht violettiges Kirschrot mit deutlicher Transparenz, riecht recht jugendlich nach eher ernsthaften Beeren von Brom, Him und Erd, auch ein paar Kirschen, ganz leicht etwas Würze im Hintergrund. Am Gaumen setzt sich das so fort, alles nicht zu primär unterwegs, schöne ausgewogene Säure, dezente Holzwürze, unauffällige Steingrundlage. Der Abgang fängt schön dicht fruchtig an, flaut dann jedoch auf einmal ab.

Das ist ein (Jung-) Wein, der mir trotz der deutlichen Beerenaromatik eigentlich ganz gut schmeckt und mit Luft etwas runder wird, ist halt gutes Landweinniveau mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, von dem ich gerne wissen möchte, wie er in ein paar Jahren schmeckt, auch wenn’s aktuell eigentlich kein Nachkaufwein ist.

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: geruchlich ein deutlicher Verlust an Jugend, dafür mehr Ernsthaftigkeit bei der nicht mehr so primären Frucht, die Beeren sind auf dem Rückzug, dafür etwas mehr rote Pflaume. Am Gaumen nun auch einige Tanninchen mit leichter Adstringenz, auch hier ist die Frucht nun volljährig geworden, es zeigt sich auch ein gewisser Großholzeindruck. Auch der Abgang kann sich nun sehen lassen und lebt dabei von der leicht angegegerbten, frischen Frucht.

Hat sich nunmehr knapp in die Nachkaufriege hochgearbeitet, es bestätigt sich aus meiner Sicht, daß dem Wein ein paar Jahre Lager mit hoher Wahrscheinlichkeit äußerst gut tun.

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 18 von 25

2. Wein: 2019er [Gamay] – Côte de Brouilly AC, Terres Dorées – Jean-Paul Brun, Bourgogne

Ganz leicht angeziegeltes Kirschrot mit deutlicher Transparenz, riecht nach frischer Pflaume, Schwarzkirsche und einigen dunklen Beeren, leichte holzanmutende Würze, mit Luftzufuhr ein signifikantes Waldwachstum. Schmeckt auch entsprechend, hier einige Tanninchen und eine gehauchte Adstringenz, recht ordentliche Säure, nur ein Hauch Würze, die aber durchaus prägend wirkt, kühle Steingrundlage, mit Luft wächst der Wald incl. Pilzbewuchs ständig. Der Nachhall hallt ordentlich lang, hier der dichteste Fruchteindruck ohne sonderlich primär zu wirken, der Holzwürzeeindruck ist hier am intensivsten.

Das ist nun schon ein recht ernsthafter Wein, der zwar noch etwas jungspundig wirkt, aber dennoch bereits sehr schön zu trinken ist. Diese Flasche wurde dann auch bevorzugt geleert, was im Nachhinein gesehen schade ist, denn angesichts der teils recht deutlichen Vorwärtsentwicklung der anderen Weinchen des Abends hätte ich gerne erlebt, wohin sich dieser Beaujolais mit Luft noch entwickelt hätte…

Meine Wertung: Nachkauf 2 von 3, Gesamt 20 von 25

3. Wein: 2019er [Gamay] – Morgon AC, Marcel Lapierre, Bourgogne

Farblich ein schönes Kirschrot mit mittlerer Transparenz, dabei ganz leicht trübe. Riecht in erster Linie waldhimbeerig bzw. nach Johannisbeergelee, dazu etwas UHU. Am Gaumen relativ monotone Frucht, etwas Organochemie wie Toluol, dann Lakritz, schöne Säure, keine erkennbaren Steine. Der Abgang ist fast ein bißchen klebrig, leicht alkig, etwas pilzig in Richtung Ziegenbart.

Ist für mich aktuell etwas arg unausgegoren, weiß nicht ob sich das alles noch findet, derzeit eher unattraktiv, obwohl eigentlich ein paar schöne Zutaten dabei sind.

Meine Wertung am ersten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 15 von 25

Nachtrag nach 24 Stunden mit Luft: der Kleber hat sich deutlich dezimiert, die Frucht ist einen Tick erwachsener geworden; geschmacklich eine ähnliche Entwicklung, etwas Chemiebaukasten bleibt jedoch übrig, auch beim längeren Abgang. Allenfalls ein kleiner Schritt nach vorne…

Meine Wertung am zweiten Tag: Nachkauf 1 von 3, Gesamt 16 von 25

Fazit:

Ein grundsätzliches Problem der meisten Online-Verkostungen kam diesmal wieder klar zum Vorschein: die verkosteten Weine sind in der Regel zu jung, als daß sie schon zeigen könnten, was in ihnen steckt. Egal ob Händler oder Winzer, alle sind -natürlich- darauf bedacht, ihre Weinchen so schnell wie möglich loszuwerden, gut angereifte Weine sind vor allem im qualitativen Mittelbau dann doch eher selten zu finden, das reift in der Regel -wenn überhaupt- beim Endkunden. So dachte ich mir denn auch bei zumindest 2 der 3 immer noch recht jungen Weine (auch wenn sie von nouveau bzw. primeur zum Glück schon weit genug entfernt sind), daß man sie nochmal in 3 bis 4 Jahren probieren müßte, um ein abschließendes Urteil fällen zu können. Mach ich vielleicht auch, trotz immer noch akuter Kellerfülle (wird aber langsam besser…)

Abschließend meinen obligatorischen Dank an die Mitverkoster für gute Laune trotz widriger Umstände, wir lassen uns nicht unterkriegen!

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